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Für eine andere Entwicklungspolitik!

Die Bauern von Sambia sind die Verlierer im grossen Rennen um Mineralien

28.8.2026   NZZ

Eine Umweltkatastrophe in einer chinesischen Mine ist zum Spielball der Geopolitik geworden

Samuel Misteli, Kalusale

Wasser, Unmengen davon, es nahte mit Getöse. Die Bauern wunderten sich an jenem Nachmittag des 18. Februar 2025. Nichts hatte an dem Tag auf Regen hingedeutet. Wenig später standen sie knietief im Schlamm. Es roch nach Säure. Nach einigen Tagen starb der Mais. Bauern entwickelten Hautausschläge und Krämpfe. Im nahen Fluss, dem wichtigsten des Landes, starben die Fische, auch Dutzende Kilometer stromabwärts.

Ein knappes Jahr später stapft Bernard Njovu über sein Feld und erzählt. Er ist ein kräftiger Mann mit kräftiger Stimme, 46 Jahre alt, und wütend. «Wieso hat die Regierung das hier nicht zum Katastrophengebiet erklärt?», sagt er. «Denn genau das ist es: ein Katastrophengebiet.»

Was die Bauern von Kalusale, einer kleinen Gemeinde im Norden Sambias, an dem Tag erlebt haben, war laut den USA das sechstgrösste Minendesaster überhaupt. Ein paar hundert Meter entfernt von Njovus Feld war ein Damm geborsten. Er gehörte einer chinesischen Firma namens Sino Metals. Das Wasser, Hunderttausende Liter, enthielt Arsen, Zyanid und zwei Dutzend andere Schwermetalle. Es hat die Felder womöglich auf Jahrzehnte hinaus vergiftet. Und es hat die grosse Geopolitik nach Kalusale gebracht. Sambia, China, die USA – sie alle interessieren sich dafür, was hier geschah. Aber nicht wegen der Bauern.

Die Produktion verdreifachen

In Afrika findet ein Wettlauf um kritische Rohstoffe statt. Kupfer, Kobalt, Coltan: Metalle, die benötigt werden, um Solarpanels und Batterien für Elektroautos zu bauen. Kaum irgendwo wird der Kampf um die Mineralien der Zukunft heftiger ausgefochten als im Norden Sambias. Man nennt die Gegend den Kupfergürtel, sie ist eine der an Bodenschätzen reichsten der Welt. Sambias Regierung will neue Minen, neue Schmelzereien und neue Investoren. Sie will die Kupferproduktion in den nächsten fünf Jahren verdreifachen. Auch China und die USA kämpfen um Sambias Kupfer. In diesem Kampf wird die Umweltkatastrophe zum Politikum.

Die Bauern von Kalusale haben Bernard Njovu zum Katastrophenmanager bestimmt. Er hat in der Minenbranche gearbeitet, sie dachten, er verstehe das Geschäft. Doch längst geht bei der Minenfirma und bei der Regierung niemand mehr ans Telefon, wenn er anruft. Njovu stapft weiter übers Feld, vorbei an abgestorbenen Maishalmen. Die Bauern haben versucht, wieder Mais und Erdnüsse anzupflanzen. Dort, wo die Säure nicht alles weggeätzt hat, wo ein paar Grashalme wachsen – ein Indiz, dass auch anderes gedeihen könnte. Sie werden sich noch einmal vergiften, wenn sie die Ernte essen. Njovu sagt: «Was bleibt uns anderes übrig?» Vom Mineralienboom haben die Bauern nichts als giftigen Schlamm.

Die Nachfrage steigt rasant

Vierhundert Kilometer südlich von Kalusale, in der Hauptstadt Lusaka: Sambias Minenkammer ist der Branchenverband, der die Minenindustrie in die Zukunft dirigiert. Noch sind ihre Büros in einer Art Container untergebracht. Ihr Chef ist Sokwani Chilembo. Sein Porträt hängt in einem Sitzungszimmer an der Wand. An der Wand gegenüber: die Logos der Firmen, deren Interessen Chilembo vertritt. Auch jenes von Sino Metals.

Von der Firma selbst will niemand reden. Stattdessen redet Chilembo. Am liebsten nicht über den Dammbruch und die Bauern, sondern über Sambias Zukunft. «Es wird aufregend», sagt er. «Minen werden im ganzen Land öffnen, die Chinesen investieren, Firmen aus dem Nahen Osten. Die Aussichten sind glänzend.» Tatsächlich herrscht in Sambia gerade so viel Optimismus wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Land mit 22 Millionen Einwohnern ist wie wenige andere abhängig von Rohstoffen. In den letzten Jahren war Sambia hoch verschuldet. 2020 konnte die Regierung vorübergehend ihre Zahlungen nicht mehr leisten.

Doch seither hat sich der Kupferpreis verdreifacht. Und er wird laut Analysten weiter steigen. Es braucht immer mehr von dem Metall: für Elektroautos, Windparks, KI-Rechenzentren. Sambia ist Afrikas zweitgrösster Kupferproduzent, der neuntgrösste weltweit. 2026 will das Land erstmals mehr als eine Million Tonnen Kupfer fördern. «Der Bergbau wird unsere ganze Wirtschaft nach oben hieven», sagt Sokwani Chilembo.

800 Franken Entschädigung

Sokwani Chilembo gerät nicht aus dem Tritt, wenn man ihn auf das Unglück anspricht. Es ist für ihn Ausdruck davon, dass noch nicht die ganze Branche zukunftstauglich ist. Er sagt: «Die Industrie ist stark gewachsen, die Kontrollen aber nicht. Die Regierung muss hier mehr investieren, die Regulierung verbessern. Wir wollen schliesslich noch da sein, um die Vorzüge des Booms zu geniessen – es ergibt keinen Sinn, mit nur noch einem Arm und einem Bein über die Ziellinie zu humpeln.»

Umweltschützer aber befürchten, dass genau dies passiert. Dass Sambias Bevölkerung die negativen Folgen des Booms tragen wird. In den letzten Jahren haben sich die Unglücke gehäuft. Die staatliche Umweltbehörde hat Sino Metals eigentlich angewiesen, die Sanierungsarbeiten in Kalusale bis Ende Juni abzuschliessen. Das ist offenbar nicht passiert.

Aber die Bauern sollen möglichst schweigen. Im August 2025 wurden sie in Gruppen von einem Bus abgeholt und in ein chinesisches Hotel gefahren. Dort wurde ihnen ein Vertrag vorgelegt. Der Bauer Bernard Njovu sagt, er habe diesen vor dem Unterzeichnen nicht lesen dürfen. Er darf ihn eigentlich auch nicht zeigen. Im Papier steht, Njovu willige in einen «vollständigen und endgültigen» Vergleich ein. Er hat umgerechnet 800 Franken erhalten – für alle «Schäden, Verletzungen und Unannehmlichkeiten», die er durch den Unfall erlitten hat. Manche Bauern erhielten nur 100 Franken. «Ein schlechter Witz», sagt Njovu.

Die Regierung möchte das Thema abgehakt wissen. Mehrfach sind Journalisten und Aktivisten verhaftet worden, die darüber berichten wollten. Wenige Tage nach dem Besuch der NZZ wird auch Njovu vorübergehend festgenommen.

Die Katastrophe ramponiert nicht nur das Image des sambischen Bergbaus, sondern auch jenes des wichtigsten Akteurs, der in Sambias Aufstieg investiert: China. Kaum ein afrikanisches Land ist so eng mit China verbandelt wie Sambia. Peking hat Hunderte von Kilometern Autobahn gebaut, es hat Flughäfen, Wasserkraftwerke und Solarparks errichtet. Und China hat Milliarden in die Bergbauindustrie gesteckt. Im Kupfergürtel sind die Strassen gesäumt von Schildern mit chinesischen Schriftzeichen: von Schmelzereien, Transportfirmen, Hotels, Restaurants, Tankstellen. Die erste chinesische Sonderwirtschaftszone in Afrika wurde 2007 nicht weit entfernt von den Feldern der Bauern von Kalusale errichtet.

China ist der Gläubiger für fast die Hälfte der externen öffentlichen Staatsschulden Sambias, sieben Milliarden Dollar. Das verschafft Einfluss. Im Mai 2026 sagte Sambia die weltweit grösste Konferenz für digitale Menschenrechte ab, nachdem chinesische Diplomaten Druck ausgeübt hatten. Peking hatte sich an der geplanten Teilnahme von Delegierten aus Taiwan gestört. In Sambia sagen viele, für chinesische Firmen gälten andere Regeln. Hinter vorgehaltener Hand zum Beispiel auch westliche Diplomaten. Die Chinesen müssten kaum eine Strafe befürchten, wenn sie die Umgebung verschmutzen.

Die Eigeninteressen der USA

Niemand beklagt sich lauter über den Einfluss Chinas in Sambia als die USA. Diese haben versucht, auf die Schwere des Unglücks von Kalusale aufmerksam zu machen. Im August 2025, ein halbes Jahr nach dem Dammbruch, erliess die amerikanische Botschaft in Sambia eine Gesundheitswarnung und zog ihr Personal aus der betroffenen Gegend ab. Im Frühjahr 2026 reisten dann sechs vom amerikanischen Kongress gesandte Experten nach Sambia, um den Dammbruch zu untersuchen. Ihre Ergebnisse flossen ein in einen Bericht mit dem Titel: «Chinas Mineralienmafia: ein globales Muster von Korruption, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverstössen».

In Sambia glauben viele, den USA gehe es nicht um die Umwelt, sondern um ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen. Das sagt zum Beispiel ein Mann mit Schiebermütze in einem Büro in Kitwe, der zweitgrössten Stadt des Landes. Ausgerechnet er. Peter Sinkamba ist Sambias bekanntester Umweltschützer. Er hat die Grüne Partei Sambias gegründet, kandidierte als Präsident. An den Wänden des Büros hängen Menschenrechtspreise. Sinkamba sagt: «Die Amerikaner versuchten, falsche Informationen zu streuen. Sie wollen negative Reaktionen gegenüber China provozieren. Das alles hat vor allem mit Geopolitik zu tun.»

Sinkamba ist nicht unumstritten in Sambia. Er hat den Ruf, immer da aufzutauchen, wo eine Umweltkatastrophe geschehen ist. Um dann seine Beraterdienste anzubieten und das Image der Firma reinzuwaschen. Aber eine einsame Stimme ist Sinkamba nicht. Viele glauben, dass die USA mit allen Mitteln versuchen, China auszustechen im Wettlauf um die Mineralien, die für die Energiewende benötigt werden. Noch hinken die USA weit hinterher – China kontrolliert mehr als zwei Drittel der Abbaumengen kritischer Mineralien weltweit und mehr als 90 Prozent der Raffination. Die USA investieren viel Geld, um dies zu ändern. Zum Beispiel mit einer 2,3 Milliarden Dollar teuren Eisenbahnlinie, die von den Minengebieten Sambias und Kongo-Kinshasas an den Atlantik führt.

Und sie bauen politischen Druck auf. Im Osten von Sambias Nachbarland Kongo-Kinshasa vermitteln die USA im dortigen Konflikt unter der Bedingung, dass amerikanische Firmen Zugang erhalten zu den Rohstoffen der Region. Im März prüfte das Aussenministerium, Hilfsgelder für Sambia zurückzuhalten, wenn man nicht besseren Zugang zu kritischen Mineralien erhalte.

Nutzen die USA auch einen Dammbruch für ihre politischen Zwecke? Sambias Regierung ist überzeugt davon. Nachdem der amerikanische Kongress im Frühjahr den Bericht über «Chinas Mineralienmafia» veröffentlicht hatte, schrieb die regierungsnahe «Times of Zambia», die USA hätten von Beginn weg verdächtig viel Aufmerksamkeit für den Dammbruch in Kalusale gezeigt. «Was genau ist Amerikas Interesse an diesem unglücklichen Industrieunfall? Warum beschäftigt sich ein Tausende von Kilometern entfernter Parlamentsausschuss mit einer Sache, die bereits Gegenstand lokaler Ermittlungen ist?»

Die Zeitung lieferte dieselbe Erklärung wie Peter Sinkamba: «Wettbewerb zwischen globalen Mächten ist nichts Neues. Ebenso wenig ist es die Rivalität zwischen Washington und Peking.» Die USA sollten bescheidener auftreten, wenn sie mehr Einfluss in Afrika wollten. Schliesslich hätten auch amerikanische Bergbaufirmen schon Millionen Tonnen Giftmüll in Sambia zurückgelassen.

Der begrabene Bericht

Laut einem unveröffentlichten Bericht, den eine südafrikanische Firma im Auftrag von Sino Metals, aber dennoch unabhängig erstellt hat, seien mehr als eineinhalb Millionen Tonnen Abwasser aus dem Damm gelaufen, darin Arsen, Zyanid, Uran und andere Schwermetalle. Diese hätten die Umgebung so vergiftet, dass längerfristig bei der Bevölkerung Geburtsfehler, Krebs, Herzkrankheiten, Leber- und Lungenschäden entstehen könnten. Wenige Tage vor der Veröffentlichung stoppte Sino Metals den Bericht. Dann gab Sambias Regierung eine eigene Untersuchung in Auftrag. Diese brachte die Zahlen hervor, die Sino Metals zuvor verbreitet hatte. 50 000 Tonnen säurehaltiges Wasser seien aus dem Damm gelaufen – ein Dreissigstel dessen, was der gestoppte Bericht festgestellt hatte.

Wenn der Kampf um Afrikas kritische Mineralien eine Art geopolitisches Schachspiel ist, dienen Bernard Njovu und seine Nachbarn als genau das, was sie sind: als Bauern. Und damit als die einfachsten Opfer. Vor kurzem erhielten sie unerwartete Hilfe von Sambias Oberstem Gericht. Dieses entschied, die Entschädigungszahlungen von Sino Metals seien womöglich nicht ausreichend. Bis dahin warten die Bauern und hoffen. Dass vielleicht der vergiftete Boden doch noch neuen Mais gedeihen lässt.