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Der mächtigste Jihadist Afrikas

Mali

6.5.2026  NZZ

Iyad Ag Ghali versucht die Regierung von Mali zu stürzen

Samuel Misteli, Nairobi

Einst trank er Whisky, rauchte Kette und besuchte Nachtklubs. Er mochte Gedichte und schrieb Songtexte für eine Band, die später einen Grammy gewinnen würde. Dann, um die Jahrtausendwende, entdeckte Iyad Ag Ghali den radikalen Islam. Aus dem Bonvivant wurde ein Jihadist.

Ein Vierteljahrhundert später ist der Malier der mächtigste Terrorist in Afrika. Ag Ghalis Kämpfer haben zusammen mit Tuareg-Separatisten Ende April die grössten Angriffe in Mali seit über einem Jahrzehnt ausgeführt, auf mindestens fünf Städte und mehrere Militärbasen. Nun fragen sich viele, was Iyad Ag Ghali als Nächstes vorhat. Will er die Regierung stürzen, um mit der nächsten aushandeln zu können, dass im Land die Scharia gilt? Will er sich gar selber an die Spitze des Staates stellen?

Was sicher ist: Iyad Ag Ghalis persönliche Geschichte wird in den nächsten Jahren eng verknüpft sein mit dem Schicksal Malis – eines Landes, das im Zentrum des derzeit tödlichsten jihadistischen Aufstandes der Welt steht.

Söldner für Ghadhafi

Ag Ghali wurde laut den meisten Quellen 1958 geboren, zwei Jahre bevor Mali die Unabhängigkeit von Frankreich erlangte. Er kommt aus einer einflussreichen Tuareg-Familie im Norden des Landes. Die Tuareg, die auch in Teilen von Algerien, Niger, Burkina Faso und Libyen ansässig sind, hatten schon die französische Kolonialherrschaft bekämpft. Nach der Unabhängigkeit 1960 starteten sie eine Rebellion gegen die neue Zentralregierung.

In seiner Jugend ging Ag Ghali wie viele junge Tuareg in das Libyen von Muammar al-Ghadhafi. Dieses war wirtschaftlich dank Erdöl weit stärker als die Herkunftsregionen der Tuareg. Ag Ghali verdingte sich als Söldner. Er war in den 1980er Jahren Teil der «Islamischen Legion», einer Art Fremdenlegion von Ghadhafi. Ag Ghali kämpfte 1982 in Libanon, dann in Tschad. Er bewährte sich, sollte dann für Ghadhafi ein Trainingscamp für Tuareg in der Nähe der libyschen Hauptstadt Tripolis leiten. Aus dieser Zeit stammen Erzählungen über Iyad Ag Ghali, den Musikliebhaber. Er lernte Musiker kennen, die später unter dem Bandnamen Tinariwen Weltkarriere machen sollten: Die Band, deren Musik als Wüsten-Blues beschrieben wird, ist heute eine der bekanntesten afrikanischen Gruppen überhaupt.

Laut einem Porträt im «Wall Street Journal» half der spätere Terrorist Iyad Ag Ghali der Band, Gitarren und Verstärker zu beschaffen. Er schrieb ein Lied, das Jahre später unter dem Titel «Bismillah» («Im Namen Gottes») erscheinen sollte.

1990 ging Ag Ghali zurück nach Mali. Er hatte angeblich genug davon, für Ghadhafi in fremden Kriegen zu kämpfen. Aus dem Söldner wurde ein Rebell. Der kampferprobte Ag Ghali wurde zum Anführer in einem neu entfachten Tuareg-Aufstand. Und so erstmals zu einer zentralen Figur in Mali. 1991 verhandelte er mit der Regierung über mehr Autonomie für die Tuareg.

In den 1990er Jahren diente Ag Ghali als Bindeglied zwischen der Regierung und den Tuareg. Er wohnte in einer Villa in der Hauptstadt. Dort beherbergte er zeitweise auch seine Musikerfreunde von Tinariwen. Sie übten ihre Lieder spätabends, Ag Ghali trommelte dazu auf einem Wasserkanister. Er war noch immer ein Lebemann.

Die Wende kam laut den meisten Biografen um 1999. Ag Ghali lernte in seiner Heimatstadt Kidal im Norden pakistanische Prediger kennen, die die Bevölkerung aufforderten, einem strikten Islam zu folgen. Er liess sich den Bart wachsen, kleidete sich in Weiss. Und unterhielt bald gute Beziehungen zu einheimischen Fundamentalisten.

2008 schickte Malis Regierung Ag Ghali als Diplomaten nach Saudiarabien. Angeblich, um ihn auf Distanz zu halten, weil man seinen Einfluss fürchtete. Doch 2010 wies die saudische Regierung Ag Ghali aus dem Land, weil dieser Kontakte zu Extremisten pflegte.

Jihadist statt Tuareg-Rebell

In der Heimat sollte Ag Ghali – der einstige Söldner, Rebell, Politiker und Diplomat – dann seine letzte Verwandlung durchlaufen, die zum Jihadistenführer. 2011 stürzte die libysche Revolution Muammar al-Ghadhafi. Daraufhin strömten gut bewaffnete Tuareg-Kämpfer zurück nach Mali und traten eine neue Rebellion los. Ag Ghali versuchte noch einmal, sich an deren Spitze zu setzen. Doch die Tuareg wollten ihn nicht mehr als Anführer. Manche nahmen ihm übel, dass er sich der Regierung angedient hatte. Andere lehnten seinen religiösen Extremismus ab.

Ag Ghali gründete stattdessen seine eigene Bewegung, Ansar Dine («Verteidiger des Glaubens»). Diese wurde rasch zu einer der mächtigsten jihadistischen Gruppen in Mali. Als die Aufständischen in Malis Norden 2012 mehrere wichtige Orte eroberten, verdrängten Ag Ghalis Kämpfer zusammen mit einem Al-Kaida-Ableger die Tuareg-Rebellen.

Französische Truppen vertrieben die Jihadisten schliesslich zurück in ländliche Gegenden. Die USA setzten Ag Ghali 2013 auf ihre Liste «globaler Terroristen». Doch Ag Ghalis Macht ist seither nur gewachsen. 2017 vereinigte er mehrere jihadistische Gruppen zu einer neuen Organisation namens JNIM (Jamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin), «Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime». JNIM trat einen eigentlichen Siegeszug an und machte die Sahelregion zu einem Epizentrum des Jihadismus.

Die Lage besserte sich auch nicht, nachdem sich 2020 in Mali Militärs an die Macht putschten. Die Militärregierung wies französische Soldaten und Uno-Friedenstruppen aus dem Land, holte sich stattdessen Hilfe bei Russland. Doch JNIM, die inzwischen über mindestens 6000 Kämpfer verfügt, liess sich nicht besiegen. Im Gegenteil. Ende April haben die Jihadisten die Angriffswelle lanciert, von deren Wucht selbst Experten überrascht wurden. Ag Ghalis Gruppe rief nach den Angriffen die Bevölkerung zum Umsturz auf.

Eine Schlüsselfigur in Mali

Nun fragen sich viele, was Ag Ghali, der einstige Bonvivant, Söldner und Diplomat, als seine nächste Rolle sieht. Manche glauben, JNIM arbeite darauf hin, mittelfristig die Macht im Land zu übernehmen. So wie es einstige Jihadisten in Syrien getan haben.

JNIM spannte bei den Angriffen von Ende April auch wieder mit den Tuareg zusammen, Ag Ghalis Ethnie, mit denen sie eigentlich 2012 gebrochen hatte. Analysten glauben, dass die Jihadisten den Tuareg versprochen haben, keine extremen Formen der Scharia zu verfolgen. Andere Experten glauben, JNIM greife nicht nach der Macht. Weil ein Land von der Grösse Malis für sie kaum zu regieren wäre. JNIM strebe danach, am Verhandlungstisch die Ziele zu erreichen, die die Gruppe seit Jahren betone: die Einführung der Scharia und den Abzug aller ausländischen Truppen.

Was sicher ist: Iyad Ag Ghali, inzwischen fast 70-jährig, wird in den nächsten Jahren eine Schlüsselfigur in Mali sein. In welcher Rolle auch immer.