Die Iran-Krise beflügelt Afrikas reichsten Mann
4.5.2026 NZZ
Aliko Dangote hat in Nigeria eine riesige Raffinerie gebaut – nun will er den Kontinent industrialisieren
Samuel Misteli, Nairobi
Viele glaubten, er sei ein Phantast. Eine gigantische Ölraffinerie wollte Aliko Dangote bauen, eine der grössten der Welt. In Nigeria, einem chaotischen und korrupten Land, in dem Grossprojekte vollmundig angekündigt werden und dann still sterben. Das war vor etwas mehr als zehn Jahren. Inzwischen lacht niemand mehr. An der Küste ausserhalb von Nigerias Riesenmetropole Lagos steht seit 2023 eine Raffinerie, so gross wie 4000 Fussballfelder. Sie beschäftigt 30 000 Angestellte, kann täglich 650 000 Fässer Rohöl verarbeiten. Es ist die mit Abstand grösste Raffinerie in Afrika – und tatsächlich eine der grössten der Welt.
Eigentlich hätten die Kritiker wissen können, dass Aliko Dangote kein Spinner ist. Er ist der erfolgreichste Geschäftsmann Afrikas, sein Vermögen: 28,5 Milliarden Dollar. Reich geworden ist er mit der Herstellung von Zement. Doch sein Raffinerieprojekt schien masslos ehrgeizig.
Abhängig vom Nahen Osten
Nun reitet Dangote, 69-jährig, auf einer Erfolgswelle. Seine Raffinerie hat Nigeria erstmals zu einem Nettoexporteur von Benzin gemacht. Sie kann mehr Treibstoff herstellen, als das bevölkerungsreichste afrikanische Land selber braucht. Bisher musste Nigeria, eigentlich Afrikas grösster Erdölproduzent, Benzin importieren, weil seine Raffinerien nicht mehr funktionierten. Dangotes Raffinerie verkauft inzwischen Kerosin nach Europa und Benzin in ein halbes Dutzend westafrikanische Länder, die zuvor fast vollständig von Importen aus Europa abhängig waren.
Ende Februar, wenige Wochen nachdem die Raffinerie ihre volle Kapazität erreicht hatte, begann der Krieg in Iran. Die Strasse von Hormuz, durch die ein Fünftel des maritimen Ölhandels geht, wurde geschlossen. Nun kann sich Aliko Dangote vor Aufträgen für seine Raffinerie nicht mehr retten.
Die interessierten Länder suchen händeringend nach Alternativen zu Erdöl aus dem Nahen Osten. Die Blockade der Strasse von Hormuz hat afrikanische Länder hart getroffen. Viele von ihnen sind von Importen abhängig, von Benzin und Dünger zum Beispiel. Im östlichen und südlichen Afrika kommen drei Viertel der eingeführten Ölprodukte aus dem Nahen Osten.
Entsprechend stark ist die Iran-Krise in Afrika spürbar. In Kenya gab es in den vergangenen Wochen an vielen Tankstellen kein Benzin. In Somalia hat sich der Benzinpreis fast verdoppelt. In Äthiopien wies die Regierung die Tankstellen an, den öffentlichen Verkehr zu priorisieren. Auch die Düngerpreise sind massiv gestiegen – für Länder, in denen die Mehrheit der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängt, besonders schwierig.
Grosse Pläne in Tansania
Aliko Dangote verspricht den Ländern Linderung. Im März verdoppelten sich Nigerias Petrolexporte gegenüber dem Vormonat auf 214 000 Fässer pro Tag. Dangote stellt afrikanischen Regierungen aber auch langfristige Hilfe in Aussicht. An einer Wirtschaftskonferenz in Kenyas Hauptstadt Nairobi kündigte er im April an, eine zweite Megaraffinerie bauen zu wollen – in Tansania an Afrikas Ostküste. Die Raffinerie soll in der Stadt Tanga im Norden des Landes gebaut werden. Tanga ist der Endpunkt einer im Bau befindlichen Pipeline, die die ostafrikanische Küste mit Ölfeldern in Uganda verbinden soll. Weiteres Öl soll aus dem Südsudan und aus Kongo-Kinshasa kommen.
«Wir werden sicherstellen, dass die Raffinerie in den nächsten vier, fünf Jahren gebaut wird», sagte Dangote an einem Podium, an dem er mit den Präsidenten Kenyas und Ugandas sprach. Inzwischen hält niemand mehr die Ankündigungen des nigerianischen Magnaten für Phantastereien.
Dangote begann seine Karriere einst nicht mit Industrieprojekten – er kommt aus einer Familie von Händlern im muslimischen Norden Nigerias. Sein Grossvater verdiente ein Vermögen mit dem Handel von Erdnüssen. Aliko Dangote begann in den 1970er Jahren, Salz und Zucker nach Nigeria zu importieren, später kamen Zement und andere Industrieprodukte dazu. Um die Jahrtausendwende begann Dangotes Firma, Zement selber herzustellen – aus der Firma wurde ein Imperium. 2008 tauchte Aliko Dangote erstmals auf der jährlichen Milliardärsliste des amerikanischen Magazins «Forbes» auf.
Seine Karriere war stets auch begleitet von Kritik: Er verdanke den Erfolg seinen guten Beziehungen zur nigerianischen Politik. Mehrere Regierungen hätten ihm Wettbewerbsvorteile verschafft, zum Beispiel indem sie ihm exklusive Importrechte für Zucker oder Reis gewährten.
Aliko Dangote wurde mit wachsendem Erfolg nicht genügsamer – sondern ehrgeiziger. Er begann, grosse Linien zu ziehen, sprach von der Industrialisierung Afrikas. Davon, einem Kontinent den Weg in die Zukunft zu weisen, dessen Volkswirtschaften seit der Kolonialzeit so strukturiert waren, dass sie Rohstoffe ausführten und teure Fertigprodukte importierten.
Das Vorzeigeprojekt wurde die Raffinerie in Lagos, die Dangote 2013 ankündigte. Sie sollte das Grundübel der nigerianischen Wirtschaft beheben: die Abhängigkeit von Benzinimporten, die Nigeria jedes Jahr Milliarden Dollar kostete. Um die Raffinerie zu bauen, musste Dangote einen Sumpf trockenlegen und einen neuen Hafen bauen lassen. Zehntausende von Arbeitern waren beteiligt.
Sich selbst vertrauen
Dangote hat weitere grosse Pläne. Er will die Kapazität der Raffinerie verdoppeln lassen auf 1,4 Millionen Fässer pro Tag. Dies würde sie zur grössten Raffinerie der Welt machen. Dangote möchte den Raffineriekomplex, der bereits jetzt auch die grösste Düngerfabrik Afrikas beherbergt, bis 2030 zum weltgrössten Hersteller von Harnstoffdünger ausbauen. Um die Pläne zu finanzieren, plant Dangote Mitte 2026 den grössten Börsengang in der Geschichte Afrikas.
Seine Firmengruppe prüft auch neue Investitionsmöglichkeiten in Häfen und Pipelines, im Bergbau, bei der Kupferverarbeitung und in der Elektrizität. Sie will in den nächsten Jahren mindestens 40 Milliarden Dollar investieren. Tätig ist sie in 17 afrikanischen Ländern, eine Zahl, die wachsen dürfte.
Der Chef mit den grossen Plänen klingt dabei immer stärker wie eine Art afrikanischer Messias der Industrialisierung, der dem Kontinent beibringt, sich auf sich selber zu verlassen statt auf den Nahen Osten oder Europa. In einem Interview mit dem britischen Magazin «The Economist» sprach Dangote im März über den Aufstieg der asiatischen Tigerstaaten vor einigen Jahrzehnten. «Wer ging dort mit Investitionen voran?», fragte er rhetorisch. «Es waren nicht die Europäer. Sondern die Asiaten selber. Wir wissen: Wenn wir nicht in unseren Kontinent investieren, wird es niemand anderes tun.»