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Für eine andere Entwicklungspolitik!

Die Genitalverstümmelung in Afrika geht nur langsam zurück

Afrika

5.1.26

NZZ

Immer noch sterben jedes Jahr Zehntausende Mädchen und junge Frauen an Eingriffen, die aktivistische Geisteswissenschafter verharmlost haben

Birte Mensing, Kehancha

Organisationen, die sich für ein Ende der Verstümmelung weiblicher Genitalien einsetzen, sind in das Visier aktivistischer Geisteswissenschafter geraten. Ein vor wenigen Wochen in einer britischen Fachzeitschrift erschienener Essay wirft ihnen Doppelmoral vor. Während Schönheitsoperationen an den Genitalien in der westlichen Welt toleriert würden, verurteile man angeblich ähnliche kulturelle Traditionen anderswo. Der Artikel versucht, Augenhöhe herzustellen, erreicht aber das Gegenteil: Menschenrechtsverletzungen werden verharmlost.

Dramatische Konsequenzen

Jedes Jahr sterben immer noch Zehntausende Frauen an den Folgen des brutalen Rituals. Es ist je nach Region Teil des Übergangs ins Erwachsenenleben – beispielsweise zur Vorbereitung auf die Hochzeit. Für beschnittene Mädchen und Frauen bekommen Familien oft einen höheren Brautpreis.

«Die Genitalverstümmelung bei Frauen ist eine schwerwiegende Verletzung der Rechte von Mädchen und gefährdet ihre Gesundheit erheblich», sagte Pascale Allotey, Direktorin für sexuelle und reproduktive Gesundheit bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im April 2025. Nach einer Studie der Universität Birmingham starben in fünfzehn betroffenen Ländern, deren Daten untersucht wurden, innerhalb eines Jahres insgesamt 44 000 Mädchen und Frauen an den Folgen von Genitalverstümmelung. Insgesamt leben laut der WHO weltweit etwa 230 Millionen Frauen, die als Kinder, Jugendliche oder junge Frauen beschnitten wurden – knapp zwei Drittel von ihnen auf dem afrikanischen Kontinent.

Rund um die Genitalverstümmelung kann es zu starken, teilweise tödlichen Blutungen kommen sowie zu Infektionen, die ebenfalls tödlich verlaufen können. Auch langfristig hat der Eingriff Folgen: Studien berichten von Problemen bei Schwangerschaft und Entbindung, einer erhöhten Rate von Geburtsfisteln. Auch die Rate von Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation um ein Vielfaches höher. Mittlerweile gibt es Rekonstruktionsoperationen, die zumindest Teile der Geschlechtsteile, die verstümmelt wurden, in ihren Funktionen wiederherstellen. In Europa und den USA existieren mehrere Zentren, aber auch in Kenya werden die Operationen angeboten.

In einigen afrikanischen Regionen und weltweit gehen die Verstümmelungsraten zurück. Die absoluten Zahlen aber steigen weiter, weil die Bevölkerungen wachsen. In vielen afrikanischen Ländern ist die Praxis seit Jahren gesetzlich verboten und wird auch teilweise strafrechtlich verfolgt. In Gambia hat das Parlament im vergangenen Jahr für die Aufrechterhaltung des Verbots gestimmt, obwohl es ein Teil der Abgeordneten abschaffen wollte. In Ländern wie Somalia und Mali wird die Verstümmelung dagegen nicht verfolgt. In Somalia sind nach Angaben von Unicef 98 Prozent der Frauen beschnitten. Praktiziert wird dort eine besonders drastische Version: Ein Grossteil der Klitoris und der Vulvalippen wird entfernt und dann zugenäht.

Aufklärungserfolge in Kenya

Besonders erfreulich ist die Entwicklung in Kenya. Dort ist die Rate der Frauen und Mädchen, die an den Genitalien verstümmelt werden, auch in der Folge von Aufklärungsprogrammen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Laut dem kenyanischen Gesundheitsministerium waren 2022 etwa 15 Prozent der Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren beschnitten, 2014 waren es noch 21 Prozent.

Ein solches Aufklärungsprogramm lässt sich in Kehancha im Südwesten Kenyas studieren. Der kenyanisch-deutsche Verein Zinduka bietet dort seit Jahren ein «safe camp» an, eine Art Ferienlager für Mädchen, die sonst dem Risiko der Beschneidung ausgesetzt wären. Rund zweihundert Mädchen kamen in diesem Jahr. Die meisten von ihnen trafen Anfang Dezember ein. Dann beginnt in der Region die «cutting season» – jene Jahreszeit, in der Mädchen traditionell beschnitten werden. Im Camp lernen sie ihren Körper kennen und erfahren, dass sie laut der kenyanischen Verfassung das Recht haben, über diesen selbst zu bestimmen.

Cess Wangui hat das «safe camp» mitgegründet und kämpft seit vielen Jahren gegen die Praxis der Verstümmelung weiblicher Genitalien. «Zu sehen, wie Mädchen zu selbstbewussten Führungspersönlichkeiten heranwachsen und dann zurückkehren, um ihre Schwestern zu unterstützen, und schädliche Normen in ihren Gemeinschaften infrage stellen, motiviert mich», sagt die Kenyanerin. Auch die Eltern und Geschwister werden eingeladen und einbezogen, bevor die Mädchen wieder zurück nach Hause und zurück in die Schule gehen. Denn Wandel und ein Ende der Verstümmelung weiblicher Genitalien kann es nur geben, wenn alle mitziehen – die Familien und die Gesellschaft.