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Für eine andere Entwicklungspolitik!

Proteste in verschiedenen Ländern - Afrikas Generation Z hat keine Geduld

25.10.2025
NZZ

Der Eindruck täuscht nicht. An vielen Orten in Afrika protestiert derzeit die Jugend.

Die Proteste sind erfrischend unideologisch. Während die westliche Jugend für Hamas, Sozialismus und Klimaschutz auf die Strasse geht, geht es ihren afrikanischen Kollegen um ganz konkrete Anliegen. Die jungen Afrikaner protestieren gegen Staatsversagen und gegen die Korruption einer politischen Elite, die mehrere Jahrzehnte älter ist als sie selbst. In Kenya waren geplante Steuererhöhungen der Auslöser, in Marokko die schlechte medizinische Versorgung und in Madagaskar Probleme mit der Strom- und Wasserversorgung.

Man sollte die Tragweite dieser Proteste nicht unterschätzen, wie es schon einige Machthaber zu ihrem eigenen Schaden gemacht haben. Die afrikanische Generation Z ist riesig. Etwa 430 Millionen Afrikaner wurden zwischen 1997 und 2012 geboren. Das ist fast so viel wie die gesamte Bevölkerung der EU. Zudem ist die Generation Z urbaner, gebildeter und technikaffiner als jede vorhergehende Generation und wird die Geschicke des Kontinents für die nächsten Jahrzehnte entscheidend mitbestimmen.

Wirtschaft und Gesellschaft in Afrika sind dabei in einem grundlegenden Wandel begriffen. Die Investitionen nehmen zu, die Bedeutung der Entwicklungshilfe ab. Die Jugend in diesen Ländern ist immunisiert gegen die Versprechen eines allumsorgenden Staates. Sie erleben jeden Tag, wie der Staat nicht funktioniert. Viele junge Männer und Frauen sind relativ gut ausgebildet, erhalten aber vom Staat keine Hilfe. In Ländern wie Kenya ist eine Schicht aus Selbständigen und Jungunternehmern entstanden, die vom Staat verantwortliches Handeln und eine Gegenleistung für Steuergelder verlangt – bislang keine Selbstverständlichkeit.

Ein Hauch von Revolution weht durch Afrika. Es ist aber nicht der Hauch von 1917, als die Menschen von der sozialistischen Weltrevolution träumten. Am ehesten erinnern die Ereignisse an die liberalen Revolutionen von 1847/48, zu denen überraschende Parallelen bestehen: Auch damals forderte eine junge, gut ausgebildete, oft unternehmerisch tätige Schicht politische und wirtschaftliche Freiheit sowie einen modernen Staat, der ihre Ambitionen nicht mehr in ein Korsett zwängt. Während damals die expandierende freie Presse als Mobilisierungswerkzeug diente, so sind es heute die Social Media. In der digitalen Welt hat diese Jugend gelernt, was Effizienz bedeutet. Für Korruption und Schlendrian hat sie keine Geduld.

Trotz den Parallelen wehren sich die Protestierenden dagegen, sich eindeutig einer politischen Richtung zuzuordnen. Was aber auffällt: Die Linke profitiert nicht von den Protesten. Als eine sozialistische Politikerin in Marokko versuchte, sich den Protesten anzuschliessen, wurde sie daran gehindert. Der Verzicht auf Ideologie und eine zentrale Führung sind zugleich Stärke und Schwäche der Proteste. Bis jetzt haben sie nur bescheidene Ziele erreicht. Die Macht übernehmen aber andere: In Madagaskar ist eine neue Militärregierung am Ruder, und auch anderswo haben sich die Hoffnungen, die sich die Demonstranten gemacht hatten, bislang nicht erfüllt.

Auch das hatten wir schon. Vor 15 Jahren ging die arabische Jugend auf die Strasse und liess den Westen träumen. Es kam aber ganz anders. Vom Sturz der alten Machthaber profitierten Islamisten und Militärdiktaturen. Wirkliche Umstürze sind in der Geschichte selten, wie schon der französische Politiker Alexis de Tocqueville vor bald 200 Jahren feststellte. Revolutionen bringen zwar neue Eliten an die Macht, Strukturen und Tendenzen bleiben aber relativ konstant. Wandel braucht Zeit und ist das Resultat langwieriger Entwicklungen von Institutionen und Mentalität.

Dennoch sollte man die gegenwärtigen Ereignisse nicht mit Zynismus betrachten. In Afrika ist eine neue wirtschaftliche Dynamik entstanden, und die Proteste sind Ausdruck davon. Ideologische Phrasen beeindrucken die dortige Jugend derzeit wenig. Das hat sie der unsrigen voraus.

(Daniel Rickenbacher)