Aller au contenu principal
Pour une autre politique de développement!

Mosambik: Tödliches Gerücht um Geschlechts-Diebe

2.7.26 Achgut.com

In Mosambik kam es vor einigen Wochen zu einer Massenhysterie, die durch Gerüchte über angeblichen „Penisdiebstahl“ ausgelöst wurde. Mindestens 60 Menschen wurden durch Lynchjustiz getötet und 111 verletzt. Jetzt fragen alle nach den Ursachen.

Von Volker Seitz

In den sozialen Medien wurde behauptet, dass Hexer die Genitalien von Männern durch Zauberei, durch Berührung der Schulter, einen Händedruck oder einen Blick schrumpfen ließen oder gestohlen haben. Aufgebrachte Meuten machten Jagd auf Beschuldigte und lynchten sie. Unter den Opfern befinden sich ein Lehrer, ein Krankenpfleger, ein Polizist und ein Gemeindeangestellter.

Psychiater sprechen vom Koro-Syndrom („Genital Retraction Syndrome“), einer wahnhaften Angststörung, bei der Menschen erwarten, dass sie sterben, weil sie glauben, ihr Penis würde sich in den Bauchraum zurückziehen. Diese psychiatrische Störung ist ebenso in Asien bekannt. Auch in Europa wurden vereinzelt Depressionen mit Koro-ähnlichen Symptomen diagnostiziert.

Mehrere hundert Aufrührer wurden nach den Ausschreitungen verhaftet. Gestohlene oder geschrumpfte Penisse wurden in den Kliniken bei den angeblichen Opfern der „Hexerei“ nicht festgestellt. Ärzte untersuchen die „Opfer“ und bestätigen den Männern und der Familie, dass die Genitalien vollständig vorhanden sind. Angstzustände werden durch traditionelle Heiler oder mit Antidepressiva und begleitender Psychotherapie behandelt.

Sündenbocksuche in Krisenzeiten

Der französische Anthropologe Julien Bonhomme untersuchte das Phänomen in seinem Hauptwerk „The Sex Thieves: The Anthropologe of a rumor“ („Die Geschlechts-Diebe: Die Anthropologie eines Gerüchts“). Er führt die periodisch in Afrika aufflammende Hysterie auf tief sitzendes Misstrauen gegenüber lokalen Eliten, wirtschaftliche Existenzängste und soziale Spannungen zurück. Die Männer fürchten, der Lebenskraft beraubt zu werden. Leider sind solche Vorfälle mit extremer sozialer Hysterie auch aus Westafrika (Nigeria, Benin, Ghana) bekannt. Beschuldigt werden meist Fremde oder besondere Berufsgruppen.

Die Ereignisse in Mosambik erinnern an das wiederkehrende Phänomen der Lynchjustiz an Gesundheitspersonal bei den sogenannten „Cholera-Unruhen“ („Tumultos da cólera“) seit den 1990er Jahren. Die arme Bevölkerung glaubte fest daran, dass nach Cholera-Ausbrüchen die Beschuldigten statt Chlor zur Desinfektion absichtlich Cholera-Erreger in die öffentliche Wasserversorgung eingeleitet hätten.

Der verstorbene Soziologe und Anthropologe der Universität Maputo, Carlos Serra, untersuchte als erster Wissenschaftler das Phänomen in den Unruhegebieten. Er kam mit seinem Team zu dem Schluss, dass die Panik ein Symptom für das zerstörte Vertrauensverhältnis zwischen den Herrschenden und den Bürgern ist.

Der britische Journalist und Chefredakteur des englischsprachigen Dienstes der staatlichen mosambikanischen Nachrichtenagentur Agencia de Informacao de Moçambique (AIM), Paul Fauvet erinnert daran, dass die aktuellen Anschuldigungen, Hexer würden Penisse stehlen, nicht exklusiv afrikanisch sei. Bereits das berüchtigte europäische Handbuch „Der Hexenhammer“ aus dem 15. Jahrhundert behauptete, dass Hexen Penisse stehlen und diese sogar in Haustiere verwandeln konnten.

Afrikanische Regierungen bekämpfen das Phänomen mit medizinischer Transparenz und strengen Haftstrafen für die Anstifter der Raserei. Sie nutzen auch die Autorität von lokalen Religionsführern, Dorfältesten und traditionellen Heilern. Eine wirksame Abschreckung ist darüber hinaus, mit dem Zorn der Ahnen für Falschmeldungen zu drohen. Solche Drohungen sind in Afrika weitaus mächtiger und hilfreicher als staatliche Sanktionen.