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Pour une autre politique de développement!

Vor den Trümmern der Entwicklungshilfe

Deutschland

13.4.2026

Achgut.com

Vor den Trümmern der Entwicklungshilfe

Von Volker Seitz • Deutschland hat 2025 weniger Entwicklungshilfe gezahlt als 2024, ist aber wegen des Rückzuges der USA trotzdem erstmals der größte Geldgeber der Welt. Schon spricht unsere Entwicklungsministerin von „schmerzhaften Einsparungen“. Doch wenn Entwicklungshilfe funktioniert, warum geht es dann den meisten afrikanischen Ländern heute schlechter als zum Ende der Kolonialzeit?

Gemäß Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), die am 9. April 2026 veröffentlicht wurden, hat Deutschland im vergangenen Jahr nach vorläufigen Berechnungen 29,09 Milliarden US-Dollar für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben. Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) bezifferte das Minus in Deutschland auf etwa fünf Milliarden Euro im Vergleich zu 2024 und sprach von „schmerzhaften Einsparungen“. 

Das Handelsblatt und die TAZ kommentieren „Deutschland verfehlt UN-Ziel für Entwicklungshilfe“. Nicht überraschend gibt es drastische Kritik von VENRO (Dachverband von über 150 NGOs), der Welthungerhilfe oder Terre des Hommes.

Da werden die Kürzungen „dramatisch“ und als „Kahlschlag“ bezeichnet. Es werden enorme politische und finanzielle Folgekosten an die Wand gemalt, weil damit keine Fluchtursachen mehr bekämpft werden könnten. Es ist längst verbürgt, dass die Gleichung „Mehr Hilfe = weniger Flüchtlinge“ wissenschaftlich unzutreffend ist. Im Gegenteil, sie führt zu einer Steigerung der Mobilität.

Es wird immer wieder das sogenannte 0,7-Prozent-Ziel als Maßstab verwendet. Es handelt sich dabei um eine UN-Resolution aus dem Jahre 1970, in der von der UN-Generalversammlung die Empfehlung verabschiedet wurde, nach der Industrieländer 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) für die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) ausgeben sollen. Eine Absichtserklärung, mehr nicht. Deshalb sollte auch Entwicklungshilfe unter dem Vorbehalt der Haushaltslage in Deutschland stehen. Die öffentlichen Schulden sind auf fast 2,7 Billionen Euro angestiegen und allein für das Jahr 2026 ist eine Neuverschuldung von rund 174 Milliarden Euro geplant. Da sollte jeder verstehen, dass wir die schuldenfinanzierte Entwicklungshilfe nicht nur um fünf Milliarden zurückfahren, sondern umgehend jedes Vorhaben prüfen und, wenn nicht noch vertragliche Verpflichtungen bestehen, suspendieren sollten.

Nicht nur Deutschland hat einen Bildungsauftrag

Nur ein Beispiel: Mit dem Programm „1000 Schulen für unsere Welt“ unterstützt das BMZ den Bau und die Ausstattung von Schulen. Klassenzimmer, Sanitäranlagen, Möbel, PCs, Laptops, Tablets. Müssen wir zum Beispiel Schulen in Afrika (etwa in Kenia, Namibia, Nigeria) bauen und ausrüsten, wenn bei uns die meisten Schulgebäude bauliche Mängel wie Schimmel, defekte Toiletten und Heizungen sowie kaputte Fenster haben und es außerdem an digitaler Ausrüstung fehlt? Ich bin natürlich nicht gegen eine Unterstützung von Bildung in Afrika. Allerdings nur, wenn eigene Maßnahmen der Länder unterstützt werden und wir nicht meinen, wir müssten das in die Hand nehmen, weil Afrikaner dies nicht allein könnten. Nicht nur Deutschland hat einen Bildungsauftrag.

Meine afrikanischen Freunde wären froh über eine Kürzung deutscher „Hilfe“, denn nur das politische Showbusiness kann staatliche Entwicklungshilfe noch als Erfolg verkaufen. Zu den schärfsten Kritikern gehören und gehörten der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, der ugandische Journalist Andrew Mwenda, die Publizistin Akua Djanie aus Ghana, der nigerianische Schriftsteller Chika Onyeani sowie der verstorbene Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey aus Ghana.

Sie wenden sich gegen eine abhängige Opfer- und Bittstellerrolle. Henry Lubega, ein Journalist in Ugandas Hauptstadt Kampala sagt: Die wahre Arroganz, der wahre Kolonialismus würde nicht von den Unternehmern, diesen vermeintlichen Ausbeutern, an den Tag gelegt, sondern von den Philanthropen. Sie sollten tun, worauf sie spezialisiert sind: Popmusik machen oder Parteipolitik. Afrika ginge es ohne ihre ständigen Nachstellungen jedenfalls besser. Wenn Entwicklungshilfe funktioniert, warum geht es dann den meisten afrikanischen Ländern heute schlechter als zum Ende der Kolonialzeit?

Eigeninitiative und auch staatliche Innovationsfreudigkeit verkümmern

Die seit Jahrzehnten betriebene Art der Entwicklungspolitik bringt die Länder nicht entscheidend voran, schafft kaum Arbeitsplätze vor Ort, mehrt dort das Wohlergehen einiger weniger, beseitigt aber nicht das breite Elend. Wir wissen dies, aber differenzierter ist der Diskurs mitnichten geworden. Entwicklungshilfe macht arm, weil sie Abhängigkeiten schafft.

Wir stehen vor den Trümmern einer gut gemeinten Politik, weil Hilfe nur dort erfolgreich sein kann, wo es eine Kultur der Selbsthilfe und Eigenverantwortung gibt. Wenn – auch mit viel demokratischem Zierrat versehene – Regierungen keinen Stolz zeigen und selbst Antworten auf die unzähligen Probleme des Landes finden wollen, dann wird auch die teuerste Hilfe nicht fruchten. Die Entwicklungspolitik erscheint mehr und mehr als Geldvernichtung. Wir sollten keine Ruhe geben, bis aufgeklärt wurde, was mit den versenkten Steuermilliarden, besonders in Afrika, geschehen ist. Schlimm ist das „Dezemberfiebergeld“. (Da müssen zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – wie ich es erlebt habe – bis zu sechsstellige Summen rasch ausgegeben werden, damit sie nicht verfallen.) Es hilft nichts, ein gutes Herz zu haben, man muss Kosten und Nutzen abwägen. Dann wird man feststellen, dass der stetige Geldregen das Entstehen tragfähiger eigenständiger Wirtschaftssysteme verhindert. 

Eigeninitiative und auch staatliche Innovationsfreudigkeit verkümmern. Die Länder müssen wegen der allgegenwärtigen Hilfsmaschinerie ihre Entwicklung nicht in ihre eigenen Hände nehmen. Dabei verschwinden die meisten Projekte, ohne nachhaltige Spuren ihrer Arbeit in den jeweiligen Gebieten zu hinterlassen. Dennoch neigen alle Entwicklungshilfeorganisationen dazu, einfach weiterzumachen. Wenn ein Entwicklungshelfer vorschlägt, ein Programm einzustellen, wird das sehr negativ gesehen – auch wenn es tatsächlich wegen mangelnder Entwicklungsorientierung der Verantwortlichen am sinnvollsten wäre. Würde es Wirksamkeitskontrollen von wirklich unabhängigen Stellen geben, müssten umgehend unzählige Durchführungsorganisationen ihre Arbeit sofort einstellen. Ich habe immer wieder erlebt, dass die Entwicklungsländer ihre Strategiepapiere nicht selbst erstellen. Da die Regierungen oft keine genauen Vorstellungen davon haben, wie ihre eigene Entwicklung aussehen soll, sitzen Berater der internationalen Entwicklungsindustrie in den Ministerien und schreiben Papiere, die dann den Gebern vorgelegt werden.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde.