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Millionen flüchten vor dem Krieg im Sudan

Sudan

22.12.25 NZZ

In Afrika spielt sich die grösste humanitäre Krise der Welt ab – Europa spürt davon bis jetzt nur wenig

Samuel Misteli, Maban

Hafiz Ahmed*, ein 34-jähriger Tagelöhner, ist mit seiner Familie vor dem Krieg im Sudan geflohen. Jetzt ist er in einem Flüchtlingscamp im Nachbarland Südsudan. Sie flüchteten zu Fuss, während Wochen. Sie gingen nachts, versteckten sich tagsüber vor Milizen und anderen Bewaffneten. Sie ernährten sich von nicht geerntetem Sorghum, das sie auf den Feldern vorfanden, oder durchsuchten verlassene Märkte.

Ahmeds Tochter klammerte sich an ihn, sie ist zwei Jahre alt. Ahmed trug eines seiner Kinder auf den Schultern, eines auf dem Rücken. Das dritte, ein Junge, wurde unterwegs geboren. Ahmeds Frau war hochschwanger, als sie vor den Kämpfen fliehen mussten.

So gingen sie durch den Sudan, südwärts Richtung Grenze. Wie der Familie von Ahmed ergeht es 13,4 Millionen Sudanesen. Der Krieg hat sie vertrieben und zu einem Teil der grössten Flüchtlingskrise der Welt gemacht. Der Sudan ist fünfmal so gross wie Deutschland und hat rund 50 Millionen Einwohner. Inzwischen hat fast jeder Vierte sein Zuhause verloren und musste fliehen – nahezu doppelt so viele wie durch den Krieg in der Ukraine.

Gefährliche Fluchtrouten

Im Sudan ist seit fast drei Jahren Krieg. Die zwei Hauptkriegsparteien, die Sudanesische Armee und die Rapid Support Forces, kämpfen darum, wer den Sudan führen darf. Darunter leiden vor allem die Zivilisten. Laut Schätzungen des Humanitarian Research Lab der Universität Yale sind mindestens 60 000 bis 150 000 Menschen im Konflikt gestorben, durch Kämpfe oder Hunger.

Hafiz Ahmed, seine Frau und die inzwischen drei Kinder erreichten nach zweieinhalb Monaten das Flüchtlingslager Doro im äussersten Nordosten des Südsudans, der selber Schauplatz einer humanitären Krise ist. Sie warten dort auf die Registrierung beim Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). Nachts drängen sie sich alle auf dem Teppich zusammen, Decken haben sie keine. Und auch sonst nur die Kleider, die sie tragen. Auch das Essen ist gerade knapp. Die Ahmeds hoffen, dass das UNHCR sie heute registriert und sie dann Essensrationen erhalten.

Der grösste Teil der Flüchtlinge – rund 9,8 Millionen Menschen – wird innerhalb des Sudans vertrieben. Sie suchen Schutz bei Bekannten und Verwandten oder campieren im Freien.

2 Millionen Sudanesen sind in die nördlichen Nachbarländer Libyen und Ägypten geflüchtet, wo Neuankömmlinge in einer bereits existierenden Diaspora Anschluss finden. Die Flucht nach Libyen ist äusserst gefährlich, da sie durch die Sahara führt, die grösste Wüste der Welt. Die Situation wird von kriminellen Schlepperbanden ausgenutzt. Es gibt Berichte von sexueller Gewalt, Erpressung oder Zwangsarbeit in der Wüste. Immer wieder verdursten Menschen.

In Libyen und Ägypten angekommen, bleibt die Unsicherheit. Beide Länder erlauben keine offiziellen Flüchtlingscamps und haben Gesetze, die einen legalen Aufenthalt praktisch unmöglich machen. Viele Flüchtlinge leben unter dem Radar des Staates und hoffen, dass sie nicht deportiert werden.

Im Südwesten des Sudans, wo auch das stark umkämpfte Darfur liegt, ist die Flucht nach Tschad und in den Südsudan die näherliegende Option. Beide Staaten nehmen Flüchtlinge auf, es hat diverse Lager, und Hilfsorganisationen sind aktiv. Doch die Zustände sind schwierig. Sowohl der Südsudan als auch Tschad sind selbst auf humanitäre Hilfe angewiesen und können die vielen sudanesischen Neuankömmlinge kaum versorgen.

Langes Anstehen für Wasser

Eines der vielen Flüchtlingscamps in Tschad heisst Alacha. Es liegt inmitten einer flachen Savannenlandschaft. Hier reihen sich seit der Gründung des Camps im November 2023 Tausende von kleinen Häuschen aneinander. Darin wohnen derzeit über 47 500 Flüchtlinge aus dem Sudan. Das Camp Alacha ist von durchschnittlicher Grösse und mit vielen Camps in der Region vergleichbar. Die Menschen leben hier vor allem in kleinen UNHCR-Häuschen oder Zelten, die mit Plastikplanen und gesammeltem Holz gebaut sind.

Zur Infrastruktur des Camps gehören auch zwei Gesundheitszentren, einige Schulen, zwei Müllgruben und 1500 Latrinen. Es gibt belebte Marktstrassen, an denen man Gemüse und Getreide kaufen kann. Dennoch mangelt es den Bewohnenden des Camps an vielem.

Starker Wassermangel gehört zum Alltag. Für ihre tägliche Wasserration müssen die Bewohner öfter bis zu zwei Tage anstehen. Im Alacha-Camp stehen ihnen im Durchschnitt gerade einmal 8 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung. Diese acht Liter müssen für alles reichen: den Durst löschen, Hände waschen, kochen, duschen, Geschirr abwaschen, auf die Toilette gehen. Zum Vergleich: Eine Person in der Schweiz verbraucht durchschnittlich 142 Liter Wasser pro Tag.

Ein Leben mit nur acht Litern Wasser pro Person ist nicht nur anstrengend, sondern gefährlich. Viele Menschen, insbesondere Kinder, leiden nicht nur an Dehydration, sondern auch an Hunger. Gemäss Angaben der Uno-Flüchtlingsorganisation waren Ende Juli 2025 über 8000 Kinder im Camp Alacha mangelernährt. Wegen des Wassermangels trinken viele verschmutztes Wasser, was ihren Zustand verschlimmert.

Ausserdem kommen Hygienemassnahmen wie Händewaschen zu kurz. Das führte im Juli 2025 zum ersten grossen Cholera-Ausbruch in Tschad seit 14 Jahren. Betroffen waren mehr als ein Dutzend Flüchtlingscamps in der Region. Humanitäre Organisationen schlugen Alarm: 6 Prozent der Infizierten in Tschad starben an der Krankheit.

Im Camp Alacha sind 82 Prozent der Bewohner Frauen und Kinder – so wie auch in allen anderen Camps der Region. Viele Männer bleiben im Sudan zurück, um Haus und Land zu schützen. Andere werden gezwungen, sich einer der Kriegsparteien anzuschliessen, oder sie werden als Geiseln genommen und getötet.

Nachbarländer sind Hauptziel

Von der weltweit grössten Flüchtlingskrise spürt Europa bis jetzt kaum etwas. Derzeit deutet wenig darauf hin, dass sich das ändert. Flucht hat im Sudan eine lange Tradition. Seit der Unabhängigkeit von England und Ägypten 1956 ist das Land geprägt von Kriegen. Eine grössere Fluchtwelle Richtung Europa gab es aber nie. Die Sudanesen orientieren sich abgesehen von den Nachbarländern eher an Uganda, Kenya oder Ländern des Nahen Ostens.

Das zeigt sich auch in aktuellen Daten. Seit Kriegsbeginn im April 2023 kamen laut Frontex knapp 20 000 sudanesische Flüchtlinge nach Europa. Das sind nur etwa 2,8 Prozent der Migranten, die in diesem Zeitraum Europa erreichten. Die meisten kamen via Libyen mit dem Boot nach Italien oder via Türkei nach Griechenland. In Deutschland sind derzeit Asylanträge von 630 Sudanesinnen und Sudanesen hängig, in der Schweiz sind es sogar nur 80 Personen. Von den über 13 Millionen Sudanesen, die auf der Flucht sind, haben gerade einmal 905 Personen in der Schweiz Zuflucht gefunden.

* Name geändert.