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Pour une autre politique de développement!

Achgut.com: Entwicklungshilfe: Wann geht das Belehren und Moralisieren zu Ende?

4.11.25 Von Volker Seitz • Nach über einem halben Jahrhundert personeller und finanzieller Entwicklungshilfe für Afrika stellen immer mehr Experten mit Fachwissen fest, dass unsere Politik versagt hat. Darunter auch Stefan Liebing, der ehemalige Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft.

Nach über einem halben Jahrhundert personeller und finanzieller Entwicklungshilfe für Afrika stellen immer mehr Experten mit Fachwissen fest, dass unsere Politik versagt hat. Das Bewusstsein, dass in Afrika jeder Einzelne und jede Gesellschaft die Verantwortung für Entwicklung bei sich selbst suchen muss, ist in Afrika weitgehend zerstört worden, weil ausländische Helfer zu viel Verantwortung an sich gezogen haben. Meine Mitstreiter beim Bonner Aufruf zur Änderung der Entwicklungspolitik und ich versuchen seit 2008 mit regelmäßigen öffentlichen Appellen an die Bundesregierung, den Kurs der Entwicklungspolitik grundlegend zu ändern. Leider vergeblich – wie auch meine interne Kritik vor 2008.

Da ich die Hoffnung auf eine Richtungsänderung trotzdem noch nicht aufgegeben habe, freut mich die klare Stellungnahme von Professor Dr. Stefan Liebing vom Afrikazentrum der Hochschule Flensburg und ehemaligem Vorsitzenden des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft (2011–2023) bei Cicero.de vom 1. November 2025. Er sieht die deutsche Entwicklungspolitik als kopflos und schädlich an. Ein lesenswerter Text, von jemandem, der die Bedingungen in Afrika gut kennt. Hier einige bemerkenswerte Zitate aus dem langen Interview:

„In Deutschland haben wir uns mit unserer Idee der Entwicklungshilfe ziemlich verrannt. Es gibt unglaublich festgefahrene Strukturen und zu viele Player, die von öffentlichen Mitteln profitieren: Behörden, Kirchen, große Hilfsorganisationen, die alle daran interessiert sind, dass Geld fließt, mit dem sie ihre Projekte finanzieren können. Letztlich scheint die grundlegende Idee zu sein: Wir wollen den Afrikanern Geld geben und mitbestimmen, wie sie es ausgeben, anstatt nach Schnittmengen unserer wirtschaftlichen Interessen zu suchen. Zum Beispiel geben wir mehr als 20 Millionen Euro für ein Projekt namens ‚Förderung gendertransformativer Ansätze zur Stärkung der Zivilgesellschaft' in Kamerun aus. Die Organisationen freuen sich, denn einiges geht sicherlich für Business-Class-Tickets zwischen Deutschland und Afrika drauf. Doch mit der Lebensrealität der Menschen vor Ort hat das nichts zu tun.“

„Ein großer Teil der Entwicklungshilfe fließt in Projekte der Belehrung und der Moralisierung.“

Besonders freut es mich, dass StefanLiebing vorschlägt, „dass wir die nachgewiesenermaßen oft wirkungslosen Entwicklungshilfemittel einsetzen, um Bürgschaften für deutsche Unternehmen bereitzustellen, die dann in Afrika Arbeitsplätze schaffen können. Man stelle sich vor, die Mittel des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) würden in vollem Umfang als Bürgschaftstopf zur Verfügung stehen. Dadurch würde privates Kapital mit einem Multiplikator zwischen vier und sechs mobilisiert. Das sind schier unglaubliche Potenziale: Mit nur einem Jahresbudget des BMZ könnte der Investitionsbestand der gesamten deutschen Wirtschaft in Afrika etwa verfünffacht werden.“ (vgl. „Hilfe für Afrika: Wenn gute Ideen nicht teuer genug sind“, Achgut.com vom 1. November 2025). Auf die Frage von Cicero „Warum wird das nicht bereits gemacht?“ antwortet Stefan Liebing:

„Zum einen gibt es die starke Lobby der Hilfsorganisationen, die nicht von den steuerfinanzierten Futtertrögen abgeschnitten werden wollen. Und zum anderen (im Bundeswirtschaftsministerium) betrachtet man die Förderung von privaten Unternehmen in Afrika durch die Übernahme gewisser Risiken ordnungspolitisch als unsauber. Und dann gibt es die Entwicklungspolitik im Entwicklungsministerium. Dort ist man gewohnt, in irgendeiner Form Geld an afrikanische Regierungen zu zahlen, eine direkte Förderung privater Unternehmen in Afrika findet praktisch nicht statt. Für das, was ich vorschlage, fühlen sich beide nicht zuständig … Die Staatswirtschaft nimmt in Deutschland und Europa immer mehr zu, die Politik greift in die Wirtschaft ein, oft mit katastrophalen Folgen. Doch dort, wo die politische Koordination wirklich wünschenswert wäre, nämlich beim Eintritt in neue Ökonomien – genau da hält sich die Politik vornehm zurück.“
 

Sehr lesenswert fand ich auch seine Einschätzung des Lieferkettengesetzes: „Deutsche Unternehmen stellen ihre Aktivitäten in Afrika ein, weil sie Angst davor haben, dass sie irgendetwas übersehen und betraft werden. An ihre Stelle treten dann chinesische Firmen … Ich habe in einem Interview mit dem ZDF erklärt, dass das Lieferkettengesetz in Afrika genau das Gegenteil von dem bewirkt, was es bewirken soll. Und die erste Frage der Journalistin war: ‚Was haben Sie eigentlich gegen Menschenrechte?‘“ (Vgl. „Lieferkettengesetz: Ausschuss aus dem Hause Müller“, Achgut.com vom 16. Juli 2020).  Ich freue mich sehr über dieses wichtige Interview des langjährigen Vorsitzenden des Afrika-Vereins. Er weiß – anders als viele Entwicklungspolitiker –, was Afrika braucht:

(1) Einheimische und ausländische Unternehmer, die Produktionsbetriebe in Afrika errichten. Sie müssen umfassend gefördert werden, weil die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas ohne Industrialisierung nicht möglich ist.(2) Bedarfsbezogene praktische berufliche Bildung als Basis für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. 3) Keine Entwicklungshilfe mehr, wenn sie nur ihrer Selbsterhaltung dient. Wenn afrikanische Staaten Unterstützung brauchen, müssen sie das begründen. Und wenn sie berechtigte Gründe haben, können sie Hilfe bekommen. Allerdings sollten Infrastrukturprojekte nur in Ländern gefördert werden, in denen bereits früher errichtete Anlagen dauerhaft instandgehalten werden. Außerdem sollten dadurch möglichst viele Menschen Arbeit finden.