Die Formel 1 plant ab den 2030er Jahren einen Grand Prix in Rwanda – doch es gibt Kritik an dieser Wahl
15.10.2026 NZZ
Zurück nach Afrika
Die Formel 1 plant ab den 2030er Jahren einen Grand Prix in Rwanda – doch es gibt Kritik an dieser Wahl
Christof Krapf
Lewis Hamilton, mit sieben Titeln der Rekordweltmeister der Formel 1, dürfte gerade darüber nachdenken, seine Karriere um ein paar Jahre zu verlängern. Der 41-jährige Brite ist der lauteste Fürsprecher eines Grand Prix in Afrika. Letztmals fand 1993 in Südafrika ein Formel-1-GP auf dem Kontinent statt, 1958 wurde ausserdem ein Rennen in Marokko ausgetragen. Schon vor zwei Jahren sagte Hamilton: «Die Formel 1 kann es sich nicht länger leisten, Afrika zu ignorieren.»
Hamilton liess durchblicken, dass er bei der Rückkehr der Formel 1 nach Afrika gerne selbst am Steuer eines Boliden sitzen wolle. Sein Wunsch wird zeitnah in Erfüllung gehen. Liberty Media, seit 2017 die Besitzerin der Formel 1, hat diese Woche angekündigt, dass ab den «frühen 2030er Jahren» in Kigali Rennen stattfinden würden. Die Formel 1 und Rwanda haben einen Vertrag über zehn Jahre abgeschlossen. In welchem Jahr die Premiere steigen wird, ist offen.
Das liegt daran, dass die Rennstrecke in Kigali noch gebaut werden muss. Sie wird an den Flughafen der Hauptstadt grenzen. Der Komplex soll auch für Konferenzen und andere Veranstaltungen genutzt werden. Das Projekt soll laut der Formel 1 helfen, das «langfristige Wirtschaftswachstum und die Investitionen in der Region» zu fördern. Interesse an einem Grand Prix meldeten zwar auch Südafrika und Marokko an, dort fehlte jedoch das Geld, während Rwanda der Formel-1- Besitzerin offenbar solide finanzielle Garantien lieferte.
Viel wirtschaftliches Potenzial
Das Wirtschaftswachstum hat die Formel 1 bei der Expansion nach Afrika wie immer im Blick, aber weniger jenes des Gastgeberlandes, sondern den eigenen Umsatz. Stefano Domenicali, der CEO der Formel 1, sagte bei der Ankündigung: «Dieser Tag wird als einer der wichtigsten für die Formel 1 in die Geschichte eingehen.» Seit Liberty Media die Formel 1 vor zehn Jahren für 4,4 Milliarden Dollar gekauft hat, hat sie die Rennserie auf Wachstum getrimmt.
Seit dem Einstieg 2017 wuchs die Anzahl Rennen pro Saison von 21 auf 24. 2021 führte die Formel 1 Sprintrennen ein, um die Vermarktung zu optimieren. In dieser Saison gibt es sechs, im nächsten Jahr dürften es zehn sein. Im lukrativen US-Markt macht die Formel 1 mittlerweile dreimal Station, in Austin, Las Vegas und Miami. Letztere zwei Grand Prix kamen erst 2022 und 2023 hinzu.
Liberty Media hat auch das Potenzial des afrikanischen Marktes erkannt. Darauf deutet die Geschwindigkeit hin, mit der die Zusage zustande gekommen ist. Erst 2024 kündigte Rwandas Machthaber Paul Kagame an, er wolle die Formel 1 ins Land holen. Bei Liberty Media stiess er mit diesem Vorhaben auf Zuspruch. Die Formel 1 schreibt in der Ankündigung des Projekts in Rwanda, sie verfüge auf dem Kontinent über hundert Millionen Fans. Und: «60 Prozent der Anhänger im Schlüsselmarkt Subsahara-Afrika sind unter 35 Jahre alt.»
Kagame war bei der Präsentation des GP von Afrika in Kigali selbstredend dabei. Der Präsident stand zusammen mit dem CEO Domenicali sowie dem Präsidenten des Welt-Motorsportverbandes, Mohammed bin Sulayem, auf einer Bühne. Die Zusage der Formel 1 ist der jüngste Coup in Kagames Sportstrategie der letzten Jahre. 2023 fand in Rwanda schon der Fifa-Kongress statt, 2025 die Rad-Weltmeisterschaften.
Vorwurf des Sportswashing
Besonders sichtbar sind die Kooperationen mit europäischen Fussballklubs wie Bayern München, Paris Saint-Germain, Arsenal oder das Trikot-Sponsoring bei Aston Villa. Der Schriftzug der Tourismusbehörde, «Visit Rwanda», ist im internationalen Sport mittlerweile allgegenwärtig und wird auch im Namen des Formel-1-Rennens auftauchen. Hinter «Visit Rwanda» steht das «Rwanda Development Board», eine Regierungsbehörde für wirtschaftliche Entwicklung.
Kritiker, zum Beispiel die Nichtregierungsorganisation Amnesty International, werfen Rwanda immer wieder Sportswashing vor. Kagame ist seit 26 Jahren an der Macht und regiert das Land autokratisch, die letzte Wahl 2024 gewann er angeblich mit 99 Prozent der Stimmen. Seine Regierung lässt Oppositionelle jedoch unter vorgeschobenen Gründen einsperren und unterstützt im benachbarten Kongo-Kinshasa die Rebellengruppe M23. Im Vorfeld der Rad-WM im letzten Jahr forderte das Parlament der Europäischen Union in einer Motion, den Grossanlass abzusagen, sollte «Rwanda seinen Kurs nicht ändern».
Die Kursänderung ist ausgeblieben. Die Rad-WM fanden aber trotzdem in Rwanda statt. Auch die Formel-1-Rennen dürften wie geplant über die Bühne gehen. Daran ändert weder ein Protestbrief der Aussenministerin von Kongo an Liberty Media etwas, noch wird die Aussage eines Vertreters von Amnesty International, wonach die Vergabe der Rennen ein «Preis für Sportswashing» sei, zum Rückzug der Formel 1 führen. Dazu sind die politischen und finanziellen Vorteile sowohl für Kagame als auch für Liberty Media zu verlockend.