Afrika gründet eine eigene Kredit-Rating-Agentur
14.10.2026 NZZ
Afrika gründet eine eigene Kredit-Rating-Agentur
Der Kontinent fühlt sich beim Zugang zu den Finanzmärkten benachteiligt
Samuel Misteli, Nairobi
Afrikanische Länder haben einen Schritt getan, um weniger abhängig zu sein von einem globalen Finanzsystem, das sie als unfair empfinden. Vergangene Woche ist in Port Louis, der Hauptstadt des Inselstaats Mauritius, die Afrikanische Kredit-Rating-Agentur eingeweiht worden. Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist die Afrikanische Union (AU), Afrikas Kontinentalorganisation.
Afrikanische Regierungen werfen den grossen, an der Wall Street beheimateten Rating-Agenturen seit langem vor, sie verstünden afrikanische Volkswirtschaften zu wenig und hätten nicht das Personal vor Ort, um dies zu ändern. Afrikanische Länder und Firmen erhielten deshalb systematisch schlechtere Ratings als vergleichbare Körperschaften in anderen Weltregionen. Die Folge: Für die Afrikaner sei es schwerer, an Kredite zu gelangen, und wo sie diese bekämen, würden sie zu hohe Zinsen bezahlen. Was letztlich dazu führe, dass weniger Geld für den Bau von Strassen, die Bezahlung von Lehrerinnen oder das Gesundheitssystem zur Verfügung stehe. Ein Bericht des Uno-Entwicklungsprogramms (UNDP) schätzte 2023, afrikanischen Staaten würden jedes Jahr 74,5 Milliarden Dollar entgehen wegen zu hoher Zinsen und Krediten, die sie nicht erhalten.
Die Rating-Agenturen sind für afrikanische Länder ab den nuller Jahren wichtiger geworden, weil die Staaten begannen, vermehrt Kapital auf den internationalen Finanzmärkten aufzunehmen. Die Kritik an angeblich unfairen Bewertungen kam fast gleichzeitig auf.
Der Bericht des UNDP von 2023 argumentierte, die Analysten der grossen Agenturen mässen zum Beispiel die Bedeutung informeller Märkte in afrikanischen Wirtschaften nicht. Afrikanische Länder würden im Krisenfall schneller abgestraft – was zu einer Abwärtsspirale führe und die Länder in die Zahlungsunfähigkeit treibe. Bei positiven Entwicklungen dagegen dauere es länger, bis afrikanische Kreditnehmer hochgestuft würden. Zurzeit stufen die Agenturen die Mehrheit der afrikanischen Länder im Bereich B ein – als hochspekulativ. 23 afrikanische Länder verfügen über gar kein Rating der grossen Agenturen.
Unabhängigkeit ist zentral
Die Rating-Debatte kocht in Afrika regelmässig hoch. 2022 zum Beispiel, nachdem Moody’s das westafrikanische Land Ghana auf eine C-Bewertung heruntergestuft hatte und so die Insolvenz voraussagte. Ghanas Finanzminister Ken Ofori-Atta unterstellte Moody’s in einer offiziellen Stellungnahme «institutionelle Verzerrung». Die für Ghana zuständige Analystin der Firma habe das Land seit ihrem Stellenantritt ein Jahr zuvor kein einziges Mal besucht.
Die neue afrikanische Rating-Agentur soll nun ab dem Frühjahr 2027 Bewertungen liefern, die dem lokalen Kontext gerecht werden. Sie wird geleitet von einem dreiköpfigen Team, als dessen interimistischer CEO der Ökonom und Marktforscher Sifiso Falala dient, der 2022 eine südafrikanische Rating-Agentur gegründet hatte. Das Team um Falala soll nun Teams von Analysten in mehreren Ländern aufbauen.
Die grosse Herausforderung für die neue Agentur wird sein, Glaubwürdigkeit herzustellen. Sie muss beweisen, dass sie nicht einfach Gefälligkeitsbewertungen erstellt, die afrikanischen Staaten oder Firmen zu billigeren Krediten verhelfen sollen. Die Afrikanische Union betont, die Rating-Agentur sei privatwirtschaftlich organisiert und unabhängig von der AU und ihren Mitgliedstaaten. Vieles wird auch davon abhängen, wie transparent die Methoden der Agentur sind.
Die grossen Rating-Agenturen haben stets bestritten, dass sie afrikanische Länder und Firmen systematisch benachteiligen würden. Sie sagen, sie würden in Afrika exakt dieselben Standards anwenden wie überall auf der Welt. Tatsächlich tragen auch die afrikanischen Länder dazu bei, dass es so schwierig ist, ihre Kreditfähigkeit zu bewerten. Sie verfügen oft über keine zuverlässigen makroökonomischen Eckdaten, schlimmstenfalls versuchen manche von ihnen, Zahlen zu verschleiern. Das westafrikanische Land Senegal wurde zum Beispiel von den grossen Agenturen heruntergestuft, als nach einem Regierungswechsel 2024 bis zu 13 Milliarden Dollar an versteckten Schulden bekanntwurden.
Viele Firmen ohne Bewertungen
Trotzdem scheinen die grossen Rating-Agenturen gewillt, ihre Präsenz auf dem afrikanischen Kontinent zu verstärken. So hat S&P Global im Juli die in Nigeria beheimatete Agentur Agusto und Co. gekauft, die in mehreren afrikanischen Ländern tätig ist. Moody’s hat die südafrikanische Rating-Agentur Global Credit Rating übernommen.
Tatsächlich besteht das Bedürfnis, den afrikanischen Kontinent mit Kreditratings besser abzudecken. Neben den Ländern verfügen auch viele Firmen und Finanzinstitute über keine Bewertungen. Ende 2025 gab es für Afrika weniger als 4000 Bonitätseinstufungen – verglichen mit 823 000 in der Europäischen Union und mehr als 2 Millionen in den USA.
Für afrikanische Staaten ist der Zugang zu den Kapitalmärkten in den letzten Jahren noch wichtiger geworden, weil viele westliche Länder die Entwicklungshilfe stark gekürzt haben und weil traditionelle Geldgeber wie China weniger grosszügig Kredite vergaben. Gleichzeitig sind viele afrikanische Länder stark in die Verschuldung geraten – im Zuge sinkender Rohstoffpreise ab 2014 und durch die wirtschaftlichen Verheerungen der Corona-Pandemie.