Neuer Krieg in Äthiopien
NZZ 8.10.26
Am Roten Meer droht ein Flächenbrand
Samuel Misteli, Nairobi
Ende September ist im Nordwesten Äthiopiens ein Krieg ausgebrochen. Die Truppen der Regierung kämpfen gegen jene der Tigray People’s Liberation Front (TPLF), einer politischen Gruppierung, die Äthiopiens Regierung stürzen will. Dieser neue Krieg ist brandgefährlich. Nicht nur für die Bevölkerung von Tigray, wo vor wenigen Jahren erst Hunderttausende starben in einem vorherigen Krieg, den viele Analysten für den bisher opferreichsten des 21. Jahrhunderts halten.
Der neue Krieg ist so gefährlich, weil er das Potenzial hat, die Region um das Rote Meer gänzlich zu destabilisieren – eine Gegend, deren geopolitische Bedeutung seit Beginn des Iran-Kriegs noch grösser geworden ist und die gleichzeitig so anarchisch ist wie seit vielen Jahren nicht. Nach Tigray zu schauen, wäre deshalb dringend nötig. Die bisherigen Reaktionen lassen vermuten, dass die internationale Diplomatie den Konflikt unterschätzt. Dabei könnte dieser innert kürzester Zeit zum Flächenbrand geraten.
Um den neuen Krieg zu verstehen, muss man den letzten kurz rekapitulieren. 600 000 Menschen verloren zwischen 2020 und 2022 in Tigray ihr Leben; durch Waffengewalt, durch Krankheit oder Verhungern. Die Kontrahenten waren dieselben wie jetzt: die äthiopische Regierung und die TPLF. Die TPLF hatte zwischen den 1990er und den 2010er Jahren Äthiopien regiert, war dann aber 2018 von Abiy Ahmed, einem neuen, überaus ehrgeizigen Ministerpräsidenten, verdrängt worden. Zwei Jahre später eskalierten die Spannungen zum Krieg. Wirklicher Frieden kehrte auch nach einem Ende 2022 geschlossenen Abkommen nie ein. Und nun hat ein neuer Krieg begonnen. Die Ausgangslage: Die in der Bevölkerung unbeliebte TPLF sieht Krieg als letztes Mittel, um sich weiter an der Macht zu halten. Und die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed wittert die Chance, die lästige TPLF endlich zu beseitigen.
Nun fliegen in Tigray Drohnen und Granaten, Äthiopiens Armee hat es geschafft, die Regionalhauptstadt Mekele einzunehmen. Es ist womöglich nur ein Vorgeplänkel. Denn es besteht die Gefahr, dass dieser Krieg bald international wird. Abiy Ahmed liebäugelt seit Jahren damit, Äthiopien einen Hafen am Roten Meer zu verschaffen – wenn nötig mit Gewalt. Am naheliegendsten: die Küste von Eritrea, das an Tigray grenzt. Äthiopische Truppen marschieren nordwärts, Richtung eritreische Grenze. Für Abiy Ahmed könnte es verlockend sein, das Nachbarland mit der Küste anzugreifen. Zumal sich Eritrea auf die Seite der TPLF gestellt hat – und so einen möglichen Vorwand liefert.
Vergangene Woche haben Äthiopien und Eritrea ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Und am Montag sagte Abiy Ahmed im äthiopischen Parlament: «Äthiopiens Modernisierung kann nicht gelingen ohne Zugang zum Meer.» Für Eritrea klingt das nach einer unverhohlenen Gewaltandrohung.
Aber nicht nur Eritrea fühlt sich bedroht. Dessen Präsident Isaias Afewerki hat am Wochenende die Präsidenten von Ägypten, dem Sudan und Somalia getroffen. Nach dem eilends anberaumten Gipfel erklärten die Präsidenten, die Verwaltung des Roten Meeres sei einzig Sache der Anrainerstaaten. Es war eine Warnung an Äthiopien. Denn die meisten Nachbarländer Äthiopiens liegen mit Abiy Ahmed übers Kreuz. Und dessen Regierung unterstützt Abspaltungsbewegungen und Milizen in mehreren von ihnen. Im Sudan zum Beispiel die RSF-Miliz, die in einem der brutalsten Kriege der Gegenwart zahllose Kriegsverbrechen begangen hat.
Ein weiterer grosser Krieg in der Region wäre fatal. Im Sudan hat der Bürgerkrieg mehr als 13 Millionen Menschen vertrieben. In Somalia droht der endgültige Staatszerfall, weil mehrere Regionen die Zentralregierung bekämpfen und die Terrororganisation al-Shabab inzwischen über Drohnen verfügt. Dazu sind die Piraten vor Somalias Küste erstarkt. Auf der anderen Seite des Roten Meers, in Jemen, kämpfen die Huthi-Milizen um die Kontrolle der Bab-al-Mandab-Meerenge, diese ist für die Schifffahrt von zentraler Bedeutung.
Durch das Rote Meer geht in regulären Zeiten ein Drittel des globalen Containerverkehrs. Noch mehr Instabilität in der Region infolge des Kriegs in Tigray wäre ein Desaster für die Weltwirtschaft und die internationale Stabilität. Gemessen daran, was auf dem Spiel steht, sind die Reaktionen auf die Vorgänge in Tigray zahm. Die USA haben zur Zurückhaltung aufgerufen, auch die EU fordert Deeskalation. Das wird nicht genügen. Zumal die Afrikanische Union (AU), die die Führungsrolle einnehmen sollte, traditionell pfleglich umgeht mit Äthiopien. Die AU hat ihren Sitz in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Sie will es sich mit der Gastgeberregierung nicht verscherzen.
Die Hebel, um Druck auszuüben, wären vorhanden. Die EU hat erst im April dieses Jahres 140 Millionen Euro an Entwicklungsgeldern für Äthiopien freigegeben. Sie hatte diese im vorherigen Krieg eingefroren. Die jetzige Freigabe begründete die EU damit, dass sich die Situation entspannt habe – offensichtlich eine Fehleinschätzung. Amerikaner, Europäer und Afrikaner sollten dringend auf einen Stopp der Kämpfe hinwirken. Denn jenseits der Tragödie für die Menschen in der Region ist dieser Krieg von globaler Bedeutung.