Pastor in Kenya wegen Hungertods von mehr als 400 Anhängern verurteilt
21.10.26 NZZ
Tötungen im Wald von Shakahola waren eines der schlimmsten Sektenmassaker
Samuel Misteli, Nairobi
Es dauerte Monate, bis die Helfer im Frühjahr 2023 alle Leichen aus dem Wald getragen hatten. Mehrfach mussten sie die Bergung der Opfer von Shakahola für ein paar Wochen unterbrechen, weil in der lokalen Leichenhalle an der kenyanischen Küste kein Platz mehr war. Am Ende hatten sie mehr als 400 Opfer aus flachen Massengräbern geholt. Fast die Hälfte von ihnen waren Kinder, manche erst wenige Wochen alt. Es war eines der grössten Sektenmassaker, die es je gegeben hat.
Verantwortlich dafür war der Pastor Paul Nthenge Mackenzie. Er führte eine Kirche, die er Good News International Church genannt hatte. Er hatte Hunderten seiner Gläubigen versprochen, wenn sie sich im Wald zu Tode fasteten, würden sie Jesus treffen. Am Montag hat ihn ein Gericht in Mombasa wegen Mordes in 191 Fällen schuldig gesprochen. Die Urteilsverkündung dauerte acht Stunden. Mackenzie, ein kleiner Mann mit stechenden Augen, sass regungslos da. Mit ihm zusammen wurden 28 weitere Anführer seiner Kirche schuldig gesprochen.
Dämonen austreiben
Mackenzie wurde in den 1970er Jahren in einem Dorf an der kenyanischen Küste geboren. Die Familie war baptistisch. In den 1990er Jahren fuhr er Taxi in Malindi, einem Ferienort, dessen weisse Sandstrände vor allem bei italienischen Touristen beliebt waren. Er begann zu der Zeit auch zu predigen. 2003 gründete er seine eigene Kirche, die Good News International Church. Es war eine evangelikale Kirche, wie sie in Kenya und andernorts in Afrika in den vergangenen Jahrzehnten zu Tausenden entstanden sind.
Um seine Anhängerschaft zu vergrössern, liess Mackenzie seine Predigten ab 2012 von einer eigenen Fernsehstation namens Times TV übertragen. Er fand so Tausende neue Anhänger. Seine Predigten wurden extremer. Er verteufelte Schulbildung und Impfungen und verlangte von Frauen, Kinder ohne ärztliche Hilfe zur Welt zu bringen. Er bezeichnete die Uno Vereinten Nationen, die USA und die katholische Kirche als Werkzeuge Satans. Und er sprach immer wieder von der Apokalypse, die nahe sei.
2017 und 2019 wurde Mackenzie verhaftet: beim ersten Mal, weil auf dem Gelände seiner Kirche Dutzende von Kindern gefunden wurden, die nicht zur Schule gehen durften, danach, weil der Sender, über den Mackenzie seine radikalen Thesen verbreitete, keine Filmlizenz besass. Doch er kam wieder frei. Kurz nach der zweiten Verhaftung schloss der Pastor dann seine Kirche in Malindi und zog mit mehreren hundert Anhängern in den 70 Kilometer entfernten Shakahola-Wald. Dort lebte die Gemeinde in Lehmhütten.
Während es in jenen Jahren um den kontroversen Pastor in der Öffentlichkeit ruhig wurde, vollzog er im abgelegenen Wald die endgültige Radikalisierung. Er legte den Tag des Jüngsten Gerichts auf den 15. April 2026 fest. Bis dahin müssten sich seine Anhänger zu Tode gefastet haben, zuerst die Kinder, dann die Frauen, zuletzt die Männer. Mackenzie selbst werde auf Erden die Tür zumachen, nachdem alle anderen bereits im Himmel angekommen seien.
Im Februar 2023 stiessen Viehhirten beim Wald auf fünf abgemagerte Jungen und retteten sie. Kurz darauf schlug ein Lehrer in Mombasa Alarm, weil seine Tochter und andere Familienmitglieder nicht aus Shakahola zurückgekehrt waren. Menschenrechtsaktivisten und schliesslich die Polizei stiessen im Wald auf Leichen und völlig ausgehungerte Menschen. Mackenzie wurde verhaftet.
«Jesus hat es getan»
Während die Behörden Hunderte von Leichen aus dem Wald holten, wurden immer grausigere Details bekannt. Der Pastor hatte ein Team von Wächtern unterhalten, das mit Macheten, Hämmern und Messern bewaffnet war und Sektenmitglieder daran hinderte, die Gemeinde zu verlassen. Manche der Toten waren nicht verhungert, sondern erschlagen oder erwürgt worden. Überlebende Frauen berichteten, sie seien von Mackenzies Wächtern vergewaltigt worden.
Nachdem das ganze Ausmass des Massakers bekanntgeworden war, fragten wütende Kenyanerinnen und Kenyaner, weshalb die Behörden den radikalen Pastor nicht früher gestoppt hätten. Tatsächlich verweisen die Vorgänge im Wald von Shakahola auf den Einfluss und die Straflosigkeit, die manche Kirchenführer in Kenya geniessen. Kenya verfügt – wie andere afrikanische Länder – über eine Reihe von einflussreichen Priestern, welche Tausenden von Anhängern versprechen, kinderlose Frauen fruchtbar machen zu können, HIV zu heilen und notfalls auch Tote aufzuerwecken. Die Kirchenführer werden auch von Politikern hofiert. Kenyas Präsident William Ruto zum Beispiel ist selber ein Evangelikaler. Er hat in den vergangenen Jahren Spenden in Millionenhöhe an Kirchen entrichtet – in der Hoffnung, dass diese mit Wählerstimmen vergolten werden.
Für den Pastor von Shakahola, Paul Nthenge Mackenzie, gilt die Straflosigkeit nicht länger. Das Strafmass gegen ihn wird im November verkündet. Schuldig fühlt er sich deswegen nicht. Dem Magazin «New Yorker» sagte er 2024: «Ich habe nichts getan. Niemand hat getötet. Jesus hat es getan.»