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Für eine andere Entwicklungspolitik!

«Bevor die Bevölkerung stark wuchs, hatte Afrika keine Chance auf Entwicklung»

Afrika

29.6.2026  NZZ

«Bevor die Bevölkerung stark wuchs, hatte Afrika keine Chance auf Entwicklung»

Der Ökonom Joe Studwell weiss, wie der Sorgenkontinent endlich zu Wohlstand finden kann. Im Gespräch mit Samuel Misteli erklärt er, warum Industrialisierung statt Rohstoffexporte der Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufstieg sein könnte

Afrikas Bevölkerung wächst rasant, sie hat sich seit Beginn des Jahrtausends verdoppelt. Viele sehen das Wachstum mit Sorge – und als wichtigsten Grund für Afrikas Armut. Joe Studwell, einer der einflussreichsten Entwicklungsökonomen der Gegenwart, hat einen komplett anderen Blick. «Afrika ist erst jetzt genügend dicht besiedelt, um starkes Wirtschaftswachstum zu erzielen», schreibt er. Und erklärt im Interview mit der NZZ, weshalb ein Rezept aus der Vergangenheit Afrika endlich den lange ersehnten Wohlstand bringen könnte.

Herr Studwell, Sie sagen, das Bevölkerungswachstum in Afrika sei bitter nötig. Wieso?

Afrika ist ein riesiger Kontinent, in dem China, Indien, Europa und die Vereinigten Staaten alle zusammen Platz hätten. Nehmen Sie die Tatsache, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs nur 220 Millionen Menschen dort lebten. Noch 1975 entsprach die Bevölkerungsdichte in Afrika jener Europas im Jahr 1500. Das ist der wichtigste Grund, weshalb Afrika bis heute arm ist.

Inwiefern?

Für wirtschaftliche Entwicklung braucht man Märkte, die nahe beieinanderliegen. Man braucht eine gewisse Bevölkerungsdichte, damit es sich lohnt, Infrastruktur wie Strassen zu bauen, ohne die keine moderne Gesellschaft auskommt. Man braucht Arbeitsteilung, für die es auch wieder genügend Menschen braucht. Ob in England, Deutschland, Frankreich – die am dichtesten besiedelten Regionen sind wirtschaftlich am erfolgreichsten.

In Afrika führt die wachsende Bevölkerung aber auch zu Problemen. Es fehlen Millionen von Jobs. In Kenya und andernorts hat das zu Jugendprotesten geführt.

Mehr Menschen sind eine Voraussetzung für Entwicklung, aber auch ein Risiko. Wenn viele Junge arbeitslos sind, ist das destabilisierend. Aber in den meisten Fällen zwingt eine wachsende Bevölkerung afrikanische Führer dazu, besser zu regieren als in der Vergangenheit. Sie können das Bevölkerungswachstum entweder nutzen – oder sie riskieren Unruhe. Nehmen Sie Nigeria, eines der am dichtesten besiedelten Länder des Kontinents. Es gibt dort Orte mit viel Instabilität und Gewalt, und gleichzeitig gibt es die Metropole Lagos. Einen endlos kreativen Ort, der ein Viertel der nationalen Wirtschaftsleistung produziert.

Sie erklären den Rückstand Afrikas nicht nur mit der niedrigen Bevölkerungsdichte, sondern auch mit dem Erbe des Kolonialismus. War dieser in Afrika schlimmer als in Asien oder Lateinamerika?

Als die Europäer Afrika im 19. Jahrhundert unter sich aufgeteilt hatten, entdeckten sie, dass sie wegen der geringen Bevölkerungsdichte nicht einmal genügend Steuern eintreiben konnten, um einfachste staatliche Leistungen zu finanzieren. Deshalb gab es abgesehen von Missionarsschulen bis in die 1950er Jahre kaum Schulen in Afrika. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit um 1960 hatte der Kontinent eine Alphabetisierungsrate von 16 Prozent, bei Frauen nur 5 Prozent. Afrika hatte keine Chance auf wirtschaftliche Entwicklung, bevor die Bevölkerung stark wuchs und das Bildungsniveau stieg.

Was auch tatsächlich passierte.

Ja, nirgendwo auf der Welt wurden in den letzten Jahrzehnten Bildungssysteme so schnell ausgebaut wie in Afrika. Die Alphabetisierungsrate ist massiv gestiegen. Aber es hat lange gedauert, bis afrikanische Länder wirklich den wirtschaftlichen Aufstieg einleiten konnten. Eigentlich erst in den letzten zwanzig Jahren.

Das Erfolgsrezept bei der Entwicklung ist laut Ihnen Industrialisierung. Ist das nicht eine Strategie aus der Vergangenheit?

Industrialisierung ist ein Rezept aus der Vergangenheit, und gerade deshalb das richtige Rezept für Afrika. Die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz zum Beispiel werden vor allem im Dienstleistungssektor und in reichen Ländern spürbar sein. Afrika hat die billigsten Arbeitskräfte der Welt – Fabrikarbeiter in Madagaskar oder Äthiopien kosten 60 Dollar pro Monat. Das entspricht dem Niveau von China in den frühen 1990er Jahren. Dazu kommt die Flexibilität menschlicher Arbeitskraft: Benötigt man mehr Arbeiter, kann man von einem Tag auf den anderen mehr von ihnen einstellen. Man kann sie ebenso schnell entlassen. Mit Robotern geht das nicht.

China war lange das einzige grosse Billiglohnland. Heute gibt es auch Vietnam, Bangladesh oder Kambodscha – die Konkurrenz ist riesig. Kommen afrikanische Länder nicht viel zu spät?

Afrika ist nicht zu spät. Die Weltbevölkerung wächst weiter und damit auch der Weltmarkt. Es wäre aber auch falsch, anzunehmen, dass Afrika ein Entwicklungsmodell wie China durchlaufen wird, das die meisten Waren in die USA und nach Europa exportiert. Afrika wird zwar auch für die USA und Europa produzieren, aber vor allem sehr viel für andere afrikanische Länder. Weil dort die Bevölkerung stark wächst und mit ihr Afrikas Volkswirtschaften. Die Mehrheit der zwanzig am schnellsten wachsenden Länder liegt in Afrika. Das ist die neue Normalität.

In vielen afrikanischen Ländern wächst der Dienstleistungssektor stark, der Tourismus ist ein Beispiel dafür. Gibt es keine Alternative zur Industrialisierung?

Das ist eine endlose Debatte. Das klassische Fallbeispiel ist Indien, dessen Industriestrategie nie wirklich erfolgreich war, das sich aber trotzdem okay geschlagen hat. Indien ist im Schnitt um 4 Prozent pro Jahr gewachsen. Nur: China, das sich in einem ähnlichen Zeitraum entwickelte wie Indien und eine ähnlich grosse Bevölkerung hat, weist heute eine viermal so grosse Wirtschaft auf. Das liegt daran, dass China voll auf die Industrialisierung gesetzt hat.

Sie argumentieren, für funktionierende Industrialisierung brauche es wie einst in Ländern wie China, Taiwan oder Südkorea ehrgeizige Regierungen. In vielen afrikanischen Ländern ist die Regierungsführung seit der Unabhängigkeit aber katastrophal.

Das liegt zum Teil am kolonialen Erbe. Die Kolonialmächte regierten über einheimische Chiefs, die sich das Recht, zu führen, nicht verdienen mussten. Afrikanische Politik ist bis heute aristokratisch geprägt. Ein weiteres Problem war wieder die Demografie: Die Regierungen konnten wie zuvor die Kolonialmächte kaum Steuern eintreiben. Wie soll man effektiv regieren, wenn die Mittel fehlen? Afrika ist noch immer die Weltregion mit den niedrigsten Steuereinnahmen, die Steuerquote liegt bei 10 bis 15 Prozent. Aber es bessert sich. Zum Vergleich: Auch China stand 1990 an genau diesem Punkt.

Was sind afrikanische Erfolgsbeispiele?

Solche, in denen Regierungen multiethnische Allianzen geschmiedet haben. In Äthiopien zum Beispiel ab den 1990er Jahren, als eine Partei, die sich auf verschiedene Ethnien stützte, die Regierung bildete. Dabei dominierten allerdings die Tigray, was zwanzig Jahre später zu einem fürchterlichen Bürgerkrieg führte. In Mauritius gewann die ethnisch indisch-pakistanische Mehrheit 1967 die ersten Wahlen, holte aber auch die Nachkommen der Sklaven und der französischstämmigen Elite in die Regierung. Und in Botswana bildeten die acht Untergruppen der Tswana eine nationale Einheitsregierung. In all diesen Ländern stellten ethnische Gruppen das nationale Interesse in den Vordergrund.

Sind Demokratien oder Autokratien besser darin, diese Allianzen zu schaffen?

Sowohl autoritäre Regierungen wie in Äthiopien und Rwanda als auch demokratische wie in Mauritius und Botswana haben solche Allianzen gebildet. Demokratie ist aber besser geeignet, ethnische Spannungen zu entschärfen – sie spielt deshalb in Afrika eine grössere Rolle als in Ostasien. Wären Länder wie Kenya oder Nigeria Autokratien, würden grosse Bevölkerungsgruppen dauerhaft im Abseits stehen, was extrem gefährlich wäre. Autokratie ist im ethnisch stark zerstückelten Afrika nicht so leicht umsetzbar wie in China, Vietnam oder Japan, wo die Minderheiten weniger als 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Wir verbinden afrikanische Wirtschaft meist mit Bodenschätzen. Sie dagegen scheinen Rohstoffe nicht sehr wichtig zu finden. Wieso?

Wir verbinden afrikanische Wirtschaft nicht deshalb mit Bodenschätzen, weil der Kontinent astronomische Mengen davon besässe. Sondern weil viele afrikanische Volkswirtschaften sich um wenig anderes bemüht haben als um Mineralien und fossile Brennstoffe. Das Problem dabei: Der Bergbau beschäftigt nicht allzu viele Menschen und hat kaum Verbindungen zu anderen Wirtschaftszweigen. Er löst das Beschäftigungsproblem nicht. Botswana war in den 1980er Jahren für ein Viertel der globalen Diamantproduktion verantwortlich, aber in den Minen arbeiteten weniger als 10 000 Menschen.

Wäre es also gescheiter, afrikanische Länder betrieben keine Minen mehr?

Afrika besitzt strategische Mineralien wie Kupfer oder Coltan, die über viele Länder verteilt sind. Es wird ein wichtiger Test für afrikanische Regierungen sein, ob sie die Verarbeitung dieser Rohstoffe im eigenen Land durchsetzen können. Ob sie zum Beispiel ausländische Firmen dazu bringen, Batterien für Elektroautos in Afrika zu fertigen.

Welche Rolle können ausländische Regierungen und Firmen bei der Entwicklung Afrikas spielen?

China wird weiter wichtig sein, aber auf andere Art als bisher. Die chinesische Regierung investiert zwar weniger in den Bau von Strassen oder Flughäfen als vor einem Jahrzehnt, als jährlich über 150 Milliarden Dollar an chinesischen Krediten nach Afrika flossen. Inzwischen sind aber private chinesische Unternehmen wichtiger geworden. Im vergangenen Jahr investierten diese 12 Milliarden Dollar in afrikanische Industrieprojekte. Dieser Trend wird sich verstärken.

Und westliche Länder hinken hinterher?

China ist verantwortlich für einen Drittel der weltweiten Industrieproduktion. Es ist nicht überraschend, dass die Chinesen vorangehen. Sie sind auch im Bergbau der wichtigste Akteur. Aber nach und nach werden auch mehr europäische und amerikanische Firmen merken, dass Afrika ein wichtiger Markt wird.

Viele Länder, unter anderem die USA, haben die Entwicklungshilfe stark zurückgefahren. Braucht es die Hilfe noch?

Viel Entwicklungshilfe bleibt wirkungslos. Die Branche funktioniert wie die Modeindustrie. Geber entwerfen alle paar Jahre neue Patentrezepte dazu, was arme Länder angeblich brauchen. Sie legen über die Köpfe der Bevölkerung hinweg fest, wofür diese das Geld zu verwenden hat. Es gibt aber auch viel effektive Entwicklungshilfe. Alle erfolgreichen afrikanischen Regierungen haben weit mehr Entwicklungshilfe erhalten als der Durchschnitt. Weil diese Regierungen sich den Ruf erarbeitet hatten, Hilfsprojekte tatsächlich umzusetzen. Wenn Botswana Geld erhielt, um eine Strasse zu bauen, dann stellte es diese pünktlich und im Rahmen des Budgets fertig.

Sie sind sehr optimistisch bezüglich Afrikas Zukunft. Es gibt aber auch eine Reihe Länder, die sich nicht so bald positiv entwickeln werden. In denen Konflikte toben. Was passiert mit diesen Ländern?

Wir werden eine enorme Bandbreite an Entwicklungen sehen. Die Sahelzone zum Beispiel hat das tiefste Bildungsniveau, extreme Armut und ein massives Problem mit Jihadisten. Das spiegelt aber nicht wider, was an der westafrikanischen Küste passiert. In Lagos steht niemand morgens auf und hat Angst, von Jihadisten umgebracht zu werden. Wir werden kein homogen erfolgreiches Afrika sehen, sondern erfolgreiche und weniger erfolgreiche Regionen. Wir müssen aufhören, Afrika als Ganzes zu betrachten – es ist ein Kontinent mit 55 Ländern.

 

Der Asien-Erklärer blickt auf Afrika

smi. · Joe Studwell lehrt unter anderem an der Universität Cambridge. Er ist der Autor von «How Asia Works», einem 2013 erschienenen Standardwerk zum wirtschaftlichen Aufstieg Asiens. Nach der Veröffentlichung baten afrikanische Regierungen Studwell um Rat, wie sie das asiatische Modell kopieren könnten. Also bereiste Studwell den Kontinent und schrieb sein neues Buch. Es trägt den Titel: «How Africa Works» (erschienen 2026).