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Der andere Nahostkrieg

Sudan

NZZ 18.11.25

Im Sudan kämpfen Araber, Türken und Iraner um Macht und Ressourcen

Daniel Rickenbacher

Die auf Video dokumentierten Greueltaten der Rapid Support Forces (RSF) nach der Einnahme der Grossstadt al-Fashir haben weltweit für Empörung gesorgt und den Druck auf ihre Hintermänner erhöht. Die Vereinigten Arabischen Emirate werden beschuldigt, die Milizen zu unterstützen. Die Emirate leugnen dies trotz zahlreichen Indizien hartnäckig. Boykottaufrufe machten die Runde, und amerikanische Parlamentarier aus beiden Parteien riefen dazu auf, die RSF auf die Terrorliste zu setzen.

Aber nicht nur diese Miliz ist von ausländischer Unterstützung abhängig. Auch ihre Gegner von den sudanesischen Streitkräften (SAF) unter Führung von General Abdelfatah Burhan profitieren von der Hilfe aus dem Ausland. Der sudanesische Bürgerkrieg ist seit Beginn auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Regionalmächten aus dem Nahen Osten.­ Sie kämpfen um Einfluss und Ressourcen in Afrika.

Die Unterstützer der SAF sind unter Zugzwang. Die Kämpfe haben sich inzwischen in die zentralsudanesische Region Kordofan verschoben. Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel: Wer Kordofan kontrolliert, kontrolliert auch die Verbindungswege zur Hauptstadt Khartum. Die SAF brauchen jetzt rasche Erfolge, um zu zeigen, dass sie nicht geschlagen sind.

Überraschende Bündnisse

Ägypten, neben der Türkei der wichtigste Unterstützer der sudanesischen Armee, reagierte rasch. Bei mehreren bilateralen Treffen letzte Woche in Port Sudan bekräftigte das Land seine «vollständige Solidarität» mit den SAF und versprach verstärkte Zusammenarbeit im zivilen Bereich. Aber nicht ausschliesslich: Die Plattform «Middle East Eye», die im Pro-SAF-Lager zu verorten ist, berichtete bereits früher unter Berufung auf anonyme Quellen, dass sowohl Ägypten als auch die Türkei ihre militärische Unterstützung für die SAF angesichts der jüngsten Rückschläge ausbauen würden. Parallel dazu meldete die Nachrichtenseite «Africa Intelligence», die SAF würden die Ägypter zu der Lieferung von Flugabwehrsystemen drängen, um die Drohnenangriffe der RSF abzuwehren.

Bisher bestritten die Ägypter, die SAF direkt zu bewaffnen. Allerdings gibt es schon länger Vorwürfe, die dem widersprechen. Einerseits stammen sie von den RSF selbst, anderseits aber auch von NGO und Medien, wie beispielsweise dem sudanesischen Recherchenetzwerk Ayin. Seit März 2021 besteht auch ein Kooperationsabkommen zwischen den ägyptischen und den sudanesischen Streitkräften. Ein verstärktes Eingreifen von Kairo wäre verständlich. Ägypten blickt mit Sorge auf die Destabilisierung des Nachbarlandes und möchte ein Übergreifen des Konflikts auf das eigene Territorium verhindern. Offenbar glauben die Ägypter, dass die SAF eher in der Lage sind, ihre Interessen zu vertreten und für Stabilität zu sorgen. Saudiarabien, das ebenfalls den SAF zuneigt, scheint es ähnlich zu sehen.

Der Sudan-Krieg bringt überraschende Bündnisse zutage. Während die Türkei und Ägypten im Nahen Osten lange als Rivalen galten, stehen sie im Sudan beide fest an der Seite von Burhans SAF, der seit 2023 gegen die RSF von Mohammed Hamdan Daglo alias Hemeti kämpft. Bis zu ihrem Machtkampf und dem Bruch vor zwei Jahren waren die beiden Militärführer über lange Zeit Partner gewesen. Sie hatten ihre Karriere unter dem islamistischen Diktator Omar al-Bashir gemacht, der 2019 nach dreissigjähriger Herrschaft gestürzt wurde. Im Zuge des Umsturzes flüchteten viele Exponenten von Bashirs Regierungspartei, der islamistisch ausgerichteten Nationalen Kongresspartei (NCP), ins Ausland – besonders in die Türkei. Zur Aussenpolitik unter Erdogan gehört seit Jahren die Unterstützung und Beherbergung ausländischer Islamisten, wie auch jener der Hamas.

Mit dem Bürgerkrieg erhoffen sich die sudanesischen Islamisten eine Rückkehr an die Macht. In der Armee und den mit ihr verbündeten Milizen ist der islamistische Einfluss weiterhin gross. Auch mehrere tausend NCP-Mitglieder sollen auf der Seite der SAF kämpfen.

Zunächst hatten die RSF die Oberhand. Sie eroberten zu Beginn des Krieges weite Teile der Hauptstadt Khartum und hielten sie bis Anfang 2025, während sich die SAF-Führung ans Rote Meer nach Port Sudan zurückziehen musste. Die blutige Rückeroberung – Zehntausende kamen dabei ums Leben – gelang auch dank ausländischem Gerät. Seit Ende 2023 liefert die Türkei den SAF Drohnen und Sprengköpfe. Recherchen der «Washington Post» zeigten, dass auch türkische Drohnenpiloten im Sudan im Einsatz sind.

Das türkische Engagement im Sudan geht einher mit einem generellen Fokus auf Afrika, insbesondere auf dessen Osten. Im Kampf um Ressourcen kollidieren die türkischen Ambitionen mit dem Handelsimperium, das die Vereinigten Arabischen Emirate seit Anfang des Jahrhunderts aufgebaut haben. Dieses verfolgt den Erwerb von grossen Ländereien für die Nahrungsproduktion und die Erschliessung von Bodenschätzen. Darunter fällt auch das Gold, das aus dem Sudan nach Dubai exportiert wird. Die Emirate gelten als der wichtigste Verbündete der RSF-Miliz, bestreiten ihre Beteiligung am Krieg aber.

Vor gut zwei Jahren nahmen die SAF-Militärregierung und Iran ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf. Die Sudanesen hatten sie acht Jahre zuvor wegen der iranischen Unterstützung für die Huthi in Jemen abgebrochen. Seither liefert Iran Drohnen an die SAF.

Aufruf zu Waffenstillstand

Die iranische Intervention ist insbesondere den USA ein Dorn im Auge. Im September setzten die USA Burhans Finanzminister Gibril Ibrahim sowie die mit der Armee verbündete islamistische Brigade al-Baraa bin Malik wegen ihrer Verbindungen zu Iran auf die Sanktionsliste. Die Amerikaner beschuldigen die iranischen Revolutionswächter, bei der Ausbildung und der Ausrüstung der rund 20 000 Kämpfer starken Miliz mitzuwirken. Im Herbst 2024 war diese auch an einem Massaker in der Hauptstadt Khartum beteiligt.

Die Zukunft des islamistischen Einflusses ist ein zentraler Punkt in den Waffenstillstandsverhandlungen. Die Roadmap, die von der sogenannten Quad-Gruppe aus den USA, den Emiraten, Saudiarabien und Ägypten im September verabschiedet wurde, sieht ausdrücklich vor, dass gewalttätige extremistische Gruppen, «die der Muslimbruderschaft angehören», in Zukunft keine Rolle mehr im Sudan spielen sollen.

Am Mittwoch rief Trumps Berater für afrikanische Angelegenheiten Massad Boulos die Kriegsparteien erneut zu einem sofortigen Waffenstillstand auf. Zuvor hatten bereits die RSF ihre Zustimmung signalisiert. Auf eine Antwort der SAF wird noch gewartet. Doch letztlich werden nicht sie allein entscheiden, wann dieser Krieg endet. Ihre ausländischen Unterstützer werden ein gewichtiges Wort mitreden.