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«Wegen des Kriegs gibt es kein Essen, kein Wasser, keine Arbeit. Es gibt nur das Töten»

Sudan

22.4.26 NZZ

Seit über drei Jahren herrscht Krieg im Sudan. Ein Ende ist nicht in Sicht. Ein Gespräch über die grösste humanitäre Krise der Welt und darüber, warum bisher alle Friedensversuche gescheitert sind.

Eric Matt, Berlin

Am Morgen des 15. April 2023 hatte Khalid Omer Yousif sein Haus in Khartum verlassen. Er dachte, er werde in einigen Stunden zurückkehren, nahm keine persönlichen Gegenstände mit. Doch seitdem hat er sein Haus nie wieder gesehen.

Denn am 15. April begann der Krieg im Sudan, der durch einen Machtkampf zweier Generale ausgelöst wurde. Der Krieg gilt als die grösste humanitäre Katastrophe der Welt, es gibt Anzeichen für einen Völkermord. Bislang mussten 14 Millionen Menschen fliehen, mehr als jeder vierte Sudanese.

Yousif setzt sich für Frieden ein. Denn: «Kein Ort der Welt kann das eigene Zuhause ersetzen.»

Ehemaliger Minister

Khalid Omer Yousif war Teil der Koalition, die 2019 die Revolution anführte und nach dreissig Jahren den Diktator stürzte. Danach war er Minister für Kabinettsangelegenheiten in einer zivilen Regierung, die 2021 vom Militär gestürzt wurde. Seit Ausbruch des Krieges setzt er sich für Frieden und Demokratie ein. Er ist eine wichtige Stimme von Somoud, einer der am stärksten in der Zivilgesellschaft verwurzelten demokratischen Koalition.

Laut eigener Aussage war er bereits zwölfmal im Gefängnis. Nach dem Sturz des Langzeitdiktators Omar al-Bashir wurde Yousif 2019 Minister für Kabinettsangelegenheiten in einer zivilen Regierung. Im Jahr 2021 aber putschten die heutigen Kriegsparteien – die Rapid Support Forces (RSF) und die Sudanese Armed Forces (SAF) – die Übergangsregierung weg. Zwei Jahre später brach der Krieg aus.

Bei einem Gespräch am Rande der internationalen Sudan-Konferenz in Berlin blickt er auf die Lage in seinem Land.

Herr Yousif, was sind Ihre Erinnerungen an den 15. April 2023?

Es war ein Schock. Natürlich hatten sich die Entwicklungen abgezeichnet, die Spannungen zwischen den Lagern sich zunehmend verschärft. Doch seit dem 15. April 2023 steht mein Land in Flammen. Ich habe an dem Tag versucht, auf ein Ende der Kämpfe hinzuwirken, habe mein Haus verlassen und Gespräche geführt. Seitdem bin ich nie zurückgekehrt. Mittlerweile lebe ich im Exil, mal hier, mal dort. Ich habe kein Zuhause.

Was hat sich durch die drei Kriegsjahre verändert?

Der Sudan und seine Menschen haben eine schreckliche Zeit durchlebt, die Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag. Der Krieg verwüstet unser Land. Doch uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Nur so können wir unser Land retten und die Kämpfe beenden.

Vielen ist unklar, worum es in diesem Krieg überhaupt geht. Haben Sie eine Erklärung?

Ein Problem dieses Krieges ist, dass alle diesen zu vereinfacht darstellen: als einen Krieg zwischen zwei zerstrittenen Generalen und deren Armeen. In Wirklichkeit aber ist es viel komplizierter.

Inwiefern?

Als wir 1956 die Unabhängigkeit erlangten, war der Sudan ein vielfältiges Land mit mehr als 500 Stämmen, über 120 Sprachen und zahlreichen Religionen. Um diese Vielfalt zu bewältigen, wäre eine inklusive Politik nötig gewesen. Stattdessen wurde das Land jahrzehntelang von einer Diktatur regiert. Die Lage verschlechterte sich, als Islamisten mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft in den Sicherheitsapparat eindrangen und 1989 unter dem Diktator al-Bashir einen Staatsstreich verübten.

Als das sudanesische Volk 2019 in einer Volksrevolution aufstand und die Diktatur stürzte, nutzten die Islamisten ihre Präsenz innerhalb der Sicherheitsinstitutionen, um den demokratischen Übergang 2021 zu torpedieren und 2023 den Krieg zu entfachen. Es handelt sich um eine Konterrevolution gegen das Volk.

Der Krieg im Sudan findet in der internationalen Berichterstattung nur selten statt. Inwiefern leidet Ihr Anliegen unter Kriegen wie in Gaza, Iran oder der Ukraine?

Die mediale Aufmerksamkeit ist viel zu gering. Der Krieg im Sudan ist ein Problem für alle, moralisch wie strategisch. Denn der Krieg gefährdet die regionale Sicherheit und könnte zu neuen Flüchtlingsbewegungen Richtung Europa führen. Zugleich besteht die Gefahr, dass Rückzugsräume für Terrorgruppen entstehen.

In der vergangenen Woche fand in Berlin die dritte internationale Sudan-Konferenz statt.

Sie gelten als wichtige Stimme der Friedensbewegung. Was für ein politisches System möchten Sie für den Sudan?

Ich möchte eine Demokratie mit föderalem Staatsaufbau und Mehrparteiensystem. Alle Menschen sollen frei leben. Wir wurden mehr als fünfzig Jahre vom Militär regiert, es hat das Land zerstört. Nun ist die Zeit für eine zivile Regierung gekommen. Es ist richtig, dass die Kriegsparteien bei der internationalen Sudan-Konferenz in Berlin nicht eingeladen waren.

Ein Frieden ohne Beteiligung der Kriegsparteien ist jedoch unmöglich. Inwiefern sind Sie gewillt, mit SAF und RSF an einer Friedenslösung zu arbeiten?

Zuallererst müssen beide Seiten einem bedingungslosen, sofortigen Waffenstillstand zustimmen. Eine Lösung des Konfliktes gibt es nur durch Dialog, nicht durch Kämpfe. Erst dann können SAF und RSF Teil eines echten Friedensprozesses werden. Dann aber ist es wichtig, sie in die Bereitstellung der humanitären Hilfe und in den Friedensprozess einzubeziehen.

Wenn uns das nicht bald gelingt, könnte der Sudan in viele Einzelteile zerfallen.

Könnten Sie sich eine Regierung aus Zivilisten und Militär vorstellen?

Nein. In Zukunft muss sich das Militär vollständig aus Politik und Wirtschaft zurückziehen. Generale dürfen den Sudanesen nichts diktieren, sondern sollen sich auf das konzentrieren, was jede professionelle Armee der Welt macht: einen modernen Sicherheitssektor aufbauen.

Sie fordern einen Waffenstillstand und Friedensgespräche. Bislang aber sind alle Bemühungen gescheitert. Warum also sollte sich das bald ändern?

Eines der Hauptprobleme bislang war, dass es zu viele Friedensinitiativen nebeneinander gab, die teilweise miteinander konkurrierten. Dies hat denen das Leben leichtgemacht, die überhaupt keinen Frieden möchten. Sie konnten sich mal hier, mal da umschauen, ohne sich konkret festzulegen.

Ist das nicht weiter der Fall? Es gibt die jährlich stattfindende Konferenz, dieses Jahr in Berlin, zuvor in Paris und London. Zudem bestehen Formate wie «Quad» (USA, Ägypten, Saudiarabien, Vereinigte Arabische Emirate) oder «Quintett» (Afrikanische Union, Igad, Arabische Liga, Europäische Union, Uno).

Ja, bis anhin koordinieren sich die Initiativen noch zu wenig untereinander. Es braucht einen einheitlichen Prozess mit drei Säulen. Eine Säule zum Waffenstillstand, eine Säule zur humanitären Hilfe und eine Säule zur langfristigen Befriedung des Konfliktes. Diese müssen unter einem Dach stehen. Hierbei bin ich überzeugt, dass die «Quad»-Initiative am vielversprechendsten ist.

Die Initiative hatte sich im September 2025 gegründet und sich auf fünf Punkte geeinigt. Dazu gehört, dass es keine militärische Lösung geben kann und die Sudanesen selbst über ihre Zukunft entscheiden sollen.

Diese Einigung war ein Zeichen der Hoffnung. Anstatt das Rad neu zu erfinden, sollten wir auf dieser Grundlage den Friedensprozess voranbringen und eine Arbeitsteilung zwischen den Vermittlungsforen vornehmen.

Die «Quad»-Staaten verfolgen im Sudan jedoch eigene Interessen. So unterstützen Ägypten und Saudiarabien die SAF und die VAE die RSF. Die Regionalmächte erhoffen sich politischen Einfluss und Zugang zu Rohstoffen.

Im Vordergrund muss die Frage stehen, wie man den Krieg beenden und eine Zusammenarbeit zwischen dem Sudan und den verschiedenen Staaten schaffen kann. Wir brauchen eine Win-win-Situation, bei der die Sudanesen ihre Interessen wahren, ohne die der regionalen Akteure ausser acht zu lassen. Klar ist: Ein Frieden würde allen Akteuren zugutekommen, während die Fortsetzung des Krieges niemandem nützt.

Ist das so? Die VAE etwa verdienen Millionen mit ihrem Geschäftsmodell Waffen gegen Gold.

Für jedes Land in der Region ist ein Ende der Kämpfe die beste Option. Ein funktionierender Staat bietet eine weitaus bessere Grundlage für Investitionen, was dem Sudan und seinen Nachbarn langfristig höhere Erträge beschert.

Einige Stimmen aus der Zivilgesellschaft werfen Ihnen vor, selbst zu nah an den VAE zu sein.

Die VAE sind ein wichtiges Land in der Region. Ich stehe mit allen Akteuren in Kontakt und verhalte mich keinem Land gegenüber feindselig, das bereit ist, gemeinsam mit dem sudanesischen Volk auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten. Während der Übergangsphase von 2019 bis 2021, als ich Minister war, pflegte die Regierung offene Beziehungen zu allen Partnern. Jeder, der sich für die Stabilität und den Fortschritt des Sudans einsetzt, ist für uns ein Freund.

Gilt dies auch für Israel? Immerhin wollte ihre Regierung vor dem Putsch den Abraham-Abkommen beitreten und eine Normalisierung mit dem jüdischen Staat vorantreiben.

Ich und meine Mitstreiter von Somoud stehen für Frieden, nicht für Krieg. Wir brauchen normale Beziehungen zu jedem Land und wollen den Hass in der Welt überwinden. Insofern befürworte ich auch die Abraham-Abkommen.

Wann herrscht Frieden im Sudan?

Wegen des Krieges gibt es kein Essen, keine Infrastruktur, keinen Strom, kein Wasser, keine Arbeit. Es gibt nur das Töten. Niemand weiss, wann sich das ändert. Aber wir arbeiten jeden Tag daran, damit Millionen Menschen zurück in ihre Heimat können.

Denn kein Ort der Welt kann das eigene Zuhause ersetzen.