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«Die digitale Überwachung breitet sich in Afrika aus»

Afrika

2.6.2026  NZZ

Das Gastgeberland Sambia sagte die weltgrösste Konferenz für digitale Rechte kurzfristig ab. Der Experte Bulelani Jili erklärt im Gespräch mit Ruth Fulterer die Hintergründe des chinesischen Einflusses in Afrika

Anfang Mai hätte sie stattfinden sollen: die grösste Konferenz für Menschenrechte im digitalen Zeitalter «Rights Con». Seit 2011 treffen sich zu diesem Anlass jährlich Tausende Aktivisten und Politiker, um über Probleme wie Internetzensur, KI- Regulierung, Überwachung und Cyberkrieg zu diskutieren. Das diesjährige Gastgeberland Sambia sagte die Konferenz diesmal wenige Tage vor ihrem Beginn ab. Es heisst, China habe interveniert.

Bulelani Jili ist Assistenzprofessor an der Georgetown-Universität in Washington (DC). Er forscht zu KI und digitaler Souveränität und insbesondere zu den Beziehungen zwischen China und Afrika. Er erklärt, wie es zur Absage der Konferenz kam und was sie bedeutet.

Herr Jili, die Rights Con 2026 wurde kurzfristig abgesagt – auf Intervention der Regierung von Sambia. Hat es so etwas schon einmal gegeben?

Eine Absage, und auch noch so kurzfristig, das ist neu. Viele Teilnehmer waren schon unterwegs, denn Sambia ist für die meisten nicht besonders leicht zu erreichen. Einen Tag vor der geplanten Ankunft der Teilnehmer teilte die Regierung plötzlich mit, es gebe Sicherheitsbedenken. Die Veranstalter sagten die Konferenz ab.

Die Organisatoren schrieben in einer Stellungnahme, dass China diplomatischen Druck auf Sambia ausgeübt habe – es habe sich an den Auftritten von Aktivisten aus Taiwan gestört. Überrascht Sie das?

Die Absage einer so wichtigen Konferenz ist ein drastischer Schritt. Aber dass sich China in den Diskurs um digitale Rechte einmischt und seinen Einfluss in Afrika ausnutzt, ist nicht neu. Und je wichtiger digitale Systeme werden, desto heftiger wird der Streit um sie – und desto grösser wird der Druck auf Konferenzen wie die Rights Con.

Sambia hat kürzlich erlaubt, dass Bergbausteuern in der chinesischen Währung Yuan gezahlt werden. Wie sind diese Länder verbandelt?

Chinesische Firmen sind schon lange im Bergbau in Sambia tätig. Zunehmend sind die Länder auch durch digitale Technologien verflochten, etwa für Kommunikationsinfrastruktur, Cybersicherheit, Überwachung. Wie viele andere Länder in Afrika sucht auch Sambia die Zusammenarbeit mit Technologieexporteuren, um das Land zu modernisieren. Die Technologie kommt nicht nur aus China, sondern auch aus den USA, Europa, Israel. Firmen dieser Länder liefern etwa eher Spyware, um Handys von Zielpersonen zu überwachen. China liefert, etwa mit Huawei, eher Technologie für den öffentlichen Raum. Zum Beispiel für das Safe-City-Modell, eine Vision der technisch überwachten, sichereren Stadt. Die Technologie wird auch oft von finanzieller Unterstützung durch den chinesischen Staat begleitet. Aber es ist auch nicht so, als zwinge China den Ländern diese Technologien auf. Oft haben sie selbst Interesse. Und ich würde China auch nicht allein die Schuld für die Absage der Rights Con geben.

Erklären Sie das genauer!

Sambias Regierung hat ganz verschiedene Interessen. Unter anderem finden bald Wahlen statt. Zur Konferenz waren Tausende Aktivisten eingeladen. Sie hätten auch über die Probleme des Gastgeberlandes gesprochen. Das war vielleicht ein Argument, die Konferenz abzusagen. Die Rights Con thematisiert Überwachung – und zwar in vielen Ländern. Man spricht über China, Taiwan, aber auch darüber, wie in Sambia die digitale Überwachung ausgebaut wird. Solche Debatten sind für die Regierung unbequem. Andererseits war die Rights Con von langer Hand geplant, die Regierung war informiert und involviert. Der Kurswechsel in letzter Minute lässt sich am ehesten durch die Kombination von eigenen Bedenken und dem chinesischen Einfluss erklären. Im Moment ist das alles aber Spekulation.

Die Regierung machte sich offenbar keine Sorgen um internationale Empörung ob der Absage. Ist das nicht erstaunlich?

Dass die Regierung sich das traut, sehe ich vor dem Hintergrund einer grösseren Entwicklung. Die Demokratie geht gerade in vielen Ländern weltweit zurück. Natürlich ist die Absage ein Signal. Digitale Technologie ist eine Chance für viele Länder. Aber auch der Schauplatz, an dem die Zukunft von Bürgerrechten und Demokratie verhandelt wird. Die Rights Con ist ein Ort, um darüber zu sprechen und Lösungen zu finden. Wer solchen Debatten die Bühne nimmt, zeigt, dass Bürgerrechte nicht im Vordergrund seiner Überlegungen stehen.

Reden wir über die Vorteile digitaler Verwaltung: Haben afrikanische Länder Europa und die USA schon überholt?

In manchen Bereichen absolut. Mobiles Zahlen und Smartphone-basierte Services der Regierung sind etwa in Kenya alltäglicher als im Westen. Aber dieses Überholen geht mit neuen Abhängigkeiten einher. Kenya und andere Länder nutzen chinesische Infrastruktur und westliche Clouds und KI-Systeme. Die Länder brauchen fremdes Geld und importierte Expertise, um die Systeme einzuführen und zu pflegen.

Wie steht es um digitale Überwachung?

Die breitet sich in Afrika aus: biometrische Identifikation, Kameras im öffentlichen Raum, zentralisierte Kontrolle, die Überwachung der Telekommunikation, KI-basierte Überwachung. Oft werden solche Systeme mit der Begründung eingeführt, mehr Sicherheit zu schaffen, etwa nach Krisen wie Terroranschlägen.

Und liefern sie das auch?

Nicht eindeutig. Die Technologie wird nicht nur genutzt, weil sie effektiv wäre. Sie symbolisiert einen handlungsfähigen Staat, auch wenn die Institutionen vielleicht zu schwach sind, um gewisse Sicherheitsprobleme wirklich zu lösen. Digitale Technologie ist in afrikanischen Ländern auch eine Zurschaustellung von Modernität und Autorität.

Wie kommt das bei der Bevölkerung an?

Das Versprechen von mehr Sicherheit funktioniert. Aber wenn die Technologie genutzt wird, um Dissidenten zu unterdrücken, die Opposition auszuspionieren, die Wahlen zu überwachen oder das Internet einzuschränken, dann wird Kritik laut.

Für ärmere Länder ist Digitalisierung eine Chance, um trotz begrenzten Ressourcen Services anzubieten. Wie können sie die Vorteile nutzen, ohne unfreier zu werden?

Heute wird immer mit Effizienz argumentiert. Sie dient als Grund, die Überwachung auszuweiten. Es heisst, es gehe darum, Täter und gefährliche Personen zu identifizieren. Das stört die wenigsten. Aber wenn sich solche Systeme ausbreiten, kommen immer auch andere Menschen in ihr Visier, Menschen, die nichts Böses im Sinn haben. Die Frage ist: Wie setzt man dem Grenzen? Was für Kontrollmechanismen gibt es? Und gibt es die Ressourcen, um Regeln auch umzusetzen? Wie gestaltet man Gesetze so, dass sie nicht kleinere Firmen überlasten? Mich stört, dass europäische Regeln, etwa beim Datenschutz, oft direkt übernommen werden.

Was ist das Problem damit?

Der Kontext in Afrika ist ein ganz anderer. Es fehlt schlicht das Geld, um aufwendige Regeln auch umzusetzen. Wir können nicht einfach die Regeln reicher Länder kopieren, sondern müssen uns fragen, wie sieht das in einem armen Land aus. In einem Land, wo zehn Personen angestellt sind, um die Daten von 60 Millionen zu managen. Denn so sieht die Realität aus. Wir brauchen Gesetze, die diese zehn Personen im Blick haben. Was können sie realistisch umsetzen? Die Datenschutzverordnung der EU klingt toll, aber sie ist für viele Länder nutzlos. Oft dient sie auch als Feigenblatt: Wir haben Privatsphäreregeln, also ist alles gut. Dabei fehlen die Ressourcen, um sie umzusetzen. Es gäbe so viel Diskussionsstoff!

Wird es nach dieser Geschichte bald wieder eine Rights Con in Afrika geben?

Ich hoffe es. Afrika ist ein Testgelände für neue Modelle der digitalen Regierung und der KI. Nach der Absage durch Sambia werden die Organisatoren noch vorsichtiger sein. Genau diese Absage zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass wir diese kritischen Debatten in Afrika führen und nicht nur anderswo.