Direkt zum Inhalt
Für eine andere Entwicklungspolitik!

Fragile Allianz zwischen Separatisten und Jihadisten

8.5.2026  NZZ

Die Tuareg in Mali kämpfen seit dem Ende der Kolonialzeit für die Unabhängigkeit

Daniel Rickenbacher

Die Angriffe in Mali von Ende April waren koordiniert. Während Jihadisten Selbstmordattentate gegen hohe Vertreter der Militärregierung in ihren Residenzen in der Nähe der Hauptstadt Bamako verübten, griffen Tuareg-Rebellen im Norden des Landes Truppen des russischen Afrikakorps an und vertrieben sie aus ihren Basen. Zwischen den beiden Schauplätzen liegen mehr als tausend Kilometer.

Die Angreifer haben Drohnenvideos, die die Ereignisse dokumentieren, in die sozialen Netzwerke hochgeladen. In einem davon ist schwach das Spiegelbild mehrerer Zuschauer zu erkennen. Sie sitzen auf dem Sandboden und kommentieren die Geschehnisse.

In der Aufzeichnung sind laut Einschätzung von Experten die Stimmen der Köpfe des Aufstands gegen Malis Regierung zu hören: Alghabass Ag Intalla, Anführer der Tuareg-Separatisten des FLA (Front de libération de l’Azawad), und Iyad Ag Ghali, Chef der Jihadistenmiliz JNIM (Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime), die mit al-Kaida verbündet ist. Sie waren offenbar zusammengekommen, um die Angriffe live am Bildschirm zu verfolgen. Jemand hat mit seiner Kamera diesen Bildschirm gefilmt und so einen wichtigen Beleg für die Zusammenarbeit zwischen Jihadisten und Tuareg-Separatisten geliefert.

Kein Veto gegen Scharia mehr

Während die Jihadisten vor allem die Einführung der Scharia anstreben, kämpfen die Tuareg seit langem für einen eigenen Staat im Norden von Mali, den sie Azawad nennen. Im langen Unabhängigkeitsstreben der Tuareg waren Islamisten und Nationalisten oft Gegner, zuweilen aber auch, wie gegenwärtig, Verbündete. Laut dem France-24-Journalisten Wassim Nasr kam es im Februar 2025 zu einer Vereinbarung zwischen den JNIM-Jihadisten und den Separatisten des FLA. Letzterer entstand 2024 aus einem Zusammenschluss verschiedener Rebellengruppen.

Die früher säkular ausgerichteten Tuareg-Separatisten erfüllten eine alte Forderung der Jihadisten und erklärten sich bereit, in ihren Gebieten die Scharia einzuführen. Das ist ein historischer Bruch: Die Tuareg waren lange für einen moderaten Islam bekannt gewesen, der sich teilweise mit vorislamischen Glaubensvorstellungen mischte. Ab den 1990er Jahren gewann jedoch der fundamentalistische Islam an Einfluss.

Als die Tuareg-Nationalisten im April 2012 zum ersten Mal die Unabhängigkeit von Azawad erklärten, war ihr Programm noch nicht islamistisch geprägt. Stattdessen sollte in der Sahara ein moderner Staat entstehen, in dem Islam und Staat getrennt waren, Frauen und Männer dieselben Rechte hatten und alle Ethnien respektiert wurden.

Anfänglich kämpften die Tuareg-Separatisten gemeinsam mit den Jihadisten der Ansar Dine. Doch die Jihadisten wollten keinen säkularen Staat, sondern die Scharia. Nach einem kurzen Machtkampf Mitte 2012 siegten die Jihadisten über die Separatisten. Der Anführer der Jihadisten war damals wie heute der charismatische Tuareg-Führer Iyad Ag Ghali, der sich in den nuller Jahren radikalisiert hatte. Der heutige FLA-Führer Ag Intalla kämpfte für kurze Zeit an seiner Seite. Doch Ag Intalla war nicht nur Islamist, sondern auch Nationalist und schloss sich später wieder den Separatisten an.

Mit der Machtergreifung der Ansar Dine drohte in Mali ein jihadistischer Staat zu entstehen. Die Franzosen intervenierten 2013 und vertrieben die Jihadisten aus den Städten. Damit waren sie aber nicht besiegt. 2017 schlossen sich verschiedene Jihadistengruppen zur JNIM zusammen, die heute weite Teile Malis kontrolliert. Die französischen Anti-Terror-Truppen blieben bis 2022. Sie wurden von der Militärregierung, die sich 2021 an die Macht geputscht hatte, durch Russen der Wagner-Gruppe ersetzt. Die Russen schafften es bis heute nicht, das westafrikanische Land zu befrieden.

«Blaue Ritter der Wüste»

Die Tuareg wurden seit der Kolonialzeit vielfach romantisiert, beispielsweise als «blaue Ritter der Wüste» wegen der Farbe ihrer Gewänder. Doch die Umstände, in denen sich die Tuareg im 20. Jahrhundert wiederfanden, waren wenig idyllisch. Ihr Siedlungsgebiet in der Sahara und in der Sahelzone ist auf mehrere Staaten aufgeteilt, arm an Ressourcen und liegt Tausende Kilometer vom nächsten Hafen entfernt. Der einst lukrative Karawanenhandel durch die Sahara mit schwarzen Sklaven und Gold brach im 19. Jahrhundert zusammen.

Während der Kolonialzeit rebellierten die Tuareg mehrmals gegen die Franzosen. Doch auch in den unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten wurden die Tuareg nicht wirklich heimisch. Zum ersten Aufstand des Wüstenvolks kam es 1962, kurz nach der Unabhängigkeit Malis von Frankreich. Der Aufstand wurde von der Zentralregierung brutal niedergeschlagen.

In den ersten Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit blieb der Norden Malis ein rückständiges Gebiet und wurde zudem von Dürren geplagt. 1990 lancierten die Tuareg einen neuen Aufstand. Er endete zwei Jahre später mit einem Friedensvertrag, der Nordmali wirtschaftliche Hilfe versprach – mit wenig Wirkung. Eine gewisse Verbesserung brachten die Touristen, die verstärkt in die Region strömten, um Wüstenromantik zu erleben.

Ghadhafis Sturz als Auslöser

Auf die Touristen folgten in den nuller Jahren die Jihadisten. Die Entführung von Ausländern und die illegale Migration nach Europa machten Gruppen wie al-Kaida im islamischen Maghreb und kriminelle Banden reich. Auch der Konflikt mit den Tuareg flammte wieder auf und mündete im Aufstand von 2012.

Der entscheidende Funke dafür kam aus dem Ausland. Als 2011 in Libyen ein Bürgerkrieg ausbrach, rekrutierte Muammar al-Ghadhafi erneut Tausende Tuareg-Kämpfer für seine Armee. Mit Ghadhafis Sturz kehrten viele zurück und schlossen sich den Separatisten an, die aus jihadistischen und nationalistischen Gruppen bestanden. Innerhalb kurzer Zeit gelang es den Aufständischen, praktisch ganz Nordmali zu erobern. Auf ihrem Vorstoss verübten sie viele Greueltaten. Doch die Islamisten und die Tuareg-Nationalisten zerstritten sich.

Die Tuareg-Nationalisten näherten sich wieder der Zentralregierung an und verzichteten 2015 im Friedensabkommen von Algier auf die Unabhängigkeit von Azawad. Im Gegenzug erhielten sie grössere Autonomie. Doch das war nicht das Ende des Konflikts. Gestärkt durch die russische Unterstützung, kündigte die Militärregierung nach erneuten Kämpfen das Friedensabkommen im Januar 2024.

Der Tuareg-Führer Alghabass Ag Intalla suchte seither die Annäherung an die Jihadisten – mit Erfolg. Es kam zu einem Waffenstillstand und dann zum Bündnis. Daran, dass es eine Zukunft hat, zweifeln viele Beobachter. Es bleibt primär zweckorientiert. Sollte die JNIM in Bamako wirklich die Macht übernehmen, bliebe das nationale Problem ungelöst. Die Tuareg-Nationalisten würden dann wohl weiterhin für ein unabhängiges Azawad kämpfen.