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Null Prozent Asyl-Chance, aber Tausende Strafbefehle

Afrika

5.4.2026  NZZ

Null Prozent Asyl-Chance, aber Tausende Strafbefehle: «Manche Intensivtäter sahen wir dreimal an einem einzigen Tag»

Sie erhalten fast nie Asyl, und knapp zwei Drittel werden delinquent: Sogenannte «Harraga», junge Männer aus Nordafrika, beschäftigen die Behörden. Mehrere Kantone schlagen nun Alarm, verstärken Patrouillen und beschleunigen Verfahren.

Mirko Plüss

Im Thurgau stiegen Diebstähle aus Autos um 242 Prozent. Die Hälfte der aufgeklärten Delikte begingen gemäss der Sicherheitsbilanz «Personen aus dem Asylbereich aus Nordafrika».

Es ist Winterwetter an diesem Aprilmorgen, und Mahmoud zieht die Kapuze seines dicken Pullis tief ins Gesicht. Mit den Fingern drückt er auf einer ausgelöschten, schon halb gerauchten Zigarette herum. Der 21-Jährige, der eigentlich anders heisst, aber mit seinem Namen nicht in die Zeitung will, stammt aus Algerien, vor einem Monat kam er in der Schweiz an und stellte ein Asylgesuch. Nun steht Mahmoud vor dem Bundesasylzentrum Embrach im Zürcher Unterland. In dem Tal inmitten nebliger Waldhügel wirkt er etwas verloren.

Auf Französisch erzählt Mahmoud, er wünsche sich ein besseres Leben, nur wie genau und wo, weiss er noch nicht. «J’sais pas.» Ein Mensch wird weder durch die Herkunft noch durch Statistiken bestimmt. Doch eines kann man in Mahmouds Fall mit grosser Sicherheit sagen: Ein Gesuch wie seines hat kaum Aussicht auf Erfolg. Gemäss neuesten Zahlen des Staatssekretariats für Migration (SEM) stellten im letzten Jahr 2127 Algerier ein Asylgesuch in der Schweiz – bewilligt wurden nur 0,3 Prozent. Ähnlich tief sind die Quoten für Marokko (0,7 Prozent) und Tunesien (2,5 Prozent), während sie bei Ländern wie Eritrea (45,1 Prozent) und Afghanistan (43,1 Prozent) um ein Vielfaches höher liegen.

Neben der Chancenlosigkeit für Asyl fallen die Migranten aus Nordafrika mit einem weiteren Merkmal auf: Sie werden übermässig oft delinquent.

Serienweise Serientäter

Während die meisten Menschen in Asylverfahren keine Delikte begehen, machte das Beratungsbüro Ecoplan letztes Jahr in einer Studie für Bund und Kantone nordafrikanische Asylsuchende als «eigentliche Problemgruppe» aus: «Obwohl sich die Personen aus dieser Gruppe kaum mehr als zwei Monate in der Schweiz befinden, werden knapp 60 Prozent von ihnen in dieser kurzen Zeitdauer einer Straftat beschuldigt.»

Es handle sich um junge Männer aus Marokko, Algerien und Tunesien, die sich selbst als «Harraga» bezeichnen, heisst es in dem Bericht. Viele tauchen ohne Dokumente auf; Harraga bedeutet so viel wie «jene, die ihre Papiere verbrennen». Eine «politische Bombe» nannte die «Weltwoche» den Bericht. Aus Sicherheitskreisen hört man indes, dass selbst die 60 Prozent noch eine Untertreibung seien.

Nun schlugen mehrere Kantone in den letzten Tagen Alarm. In der Thurgauer Sicherheitsbilanz, die Ende März publiziert wurde, liegt ein Fokus auf dem massiven Anstieg von Diebstählen aus Autos um 242 Prozent, die Zahl dieser Fälle stieg von 74 auf 253. Die Hälfte der aufgeklärten Delikte begingen «Personen aus dem Asylbereich aus Nordafrika», heisst es.

Auch im letzte Woche publizierten Sicherheitsbericht des Kantons Aargau steht, dass ein Grossteil der Diebstähle durch Personen aus dem Maghreb begangen werde. Hier sind es beispielsweise die sogenannten «Fälleler», die Wertsachen aus unverschlossenen Autos klauen. Drei Viertel der 900 geklärten Fälleler-Delikte konnten Männern aus Algerien, Marokko und Tunesien zugeordnet werden.

Der Kanton Aargau führt auch eine Liste mit Intensivtätern. 19 von 50 stammen aus dem Maghreb. «Einem 17-jährigen Algerier konnten im letzten Jahr acht Diebstähle aus einem Fahrzeug nachgewiesen werden, hinzu kamen Ladendiebstähle, Einbruchdiebstähle, Taschen- und Trickdiebstähle», sagt ein Polizeisprecher.

Im Kanton Zürich sagte der Sicherheitsvorsteher Mario Fehr letzte Woche beim Vorstellen der Kriminalitätszahlen: «Algerier und Marokkaner fallen durch Diebstähle aller Art auf.» Der Kanton Solothurn wiederum gab Anfang dieser Woche die Schaffung eines neuen kantonalen Gremiums bekannt, auch wegen kleinkrimineller Intensivtäter im Asylbereich.

Das gleiche Bild in St. Gallen. Mitte März erschien der Geschäftsbericht der Kantonsregierung. Darin heisst es: «Gestohlene Handys, aufgebrochene Autos oder Einbrüche: Personen insbesondere aus den Maghrebstaaten halten Polizei und Justiz auf Trab.» Die jungen Männer fielen «insbesondere durch ihre hohe Delinquenz innert kürzester Zeit auf» und würden unter zahlreichen Alias-Namen auftreten. Personen aus dem Maghreb machten den Grossteil der Intensivtäter im Bereich Diebstahl aus – allein gegen diese Personengruppe erliess die Staatsanwaltschaft im letzten Jahr 1765 Strafbefehle.

«Manche Intensivtäter sahen wir dreimal an einem einzigen Tag», sagt Florian Schneider, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. «Für die Strafverfolgung bleibt das Gefühl eines endlosen Kreislaufs, geprägt von Wiederholungstätern, geringer Abschreckung und kulturell unterschiedlichen Verhaltensnormen.» Konkret seien die delinquenten Personen aus den nordafrikanischen Ländern «oft aufbrausend und sehr respektlos gegenüber Beamten».

Die Behörden reagieren mit mehr Koordination, mehr Polizeipatrouillen und einer Beschleunigung der Justizverfahren. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Jedes zweite Asylgesuch aus Nordafrika wird abgeschrieben, die Personen tauchen unter oder reisen weiter. «Es muss schnell gehen, das Ziel sind 48 Stunden von der Festnahme bis zum Urteil in Form eines Strafbefehls», sagt Schneider. Länger könnten die Täter strafrechtlich nicht festgehalten werden, da die Delikte oft nicht für eine Untersuchungshaft ausreichten.

Wie reagiert der Bund auf die auffällige Migrationsgruppe? Das SEM zählt mehrere Massnahmen auf. Seit Anfang 2024 gebe es «strategische runde Tische», und es wurden ehemalige Polizeikader verpflichtet, die sich in den Regionen mit den lokalen Polizeien austauschen. Zudem fokussiert sich seit einem Jahr eine eigene Task-Force auf Intensivtäter. Eine erste Bilanz zum Pilotprojekt zieht das SEM in den kommenden Monaten. Weiter beschleunigte der Bund die Asylverfahren und erklärte die Rückführungen von straffälligen Personen zur Priorität.

Die Verfahren umkehren?

Beat Stauffer ist Journalist und langjähriger Maghreb-Experte. Er bezeichnet den gegenwärtigen Zustand als «Irrsinn» und findet, der Bund mache viel zu wenig. «Wer kriminell wird, soll im Extremfall die Strafe in einem Gefängnis in seinem Heimatland verbüssen müssen. Das hätte zweifellos eine abschreckende Wirkung.» Zudem brauche es schnellere Ausschaffungen, gleichzeitig aber auch «Kontingente für eine legale Einwanderung».

«Doch auch die übrigen 40 Prozent, die sich ans Gesetz halten, führen unser Asylsystem ad absurdum», sagt Stauffer. Die Verfahren für Algerier und Marokkaner kosteten jährlich Dutzende Millionen Franken. Dazu kämen viele abgewiesene Asylsuchende aus den Maghrebstaaten, die zum Teil während Jahren Nothilfe bezögen. «Wie kann man das rechtfertigen bei einer Ablehnungsquote von rund 99 Prozent?» Das sei gegenüber dem Steuerzahler nicht fair, und auch den Migranten bringe dies nichts: «Am Ende sind sie von der Schweiz ja auch enttäuscht.» Stauffer fordert deshalb eine Gesetzesänderung hin zur Verfahrensumkehr: «Asylanträge aus solchen Ländern sollten nur noch bearbeitet werden, wenn schon zu Beginn zwingende Gründe geltend gemacht werden können.»

Und asylrechtlich zwingend sind die Gründe in den allermeisten Fällen eben nicht. Das bestätigt auch ein internes Arbeitspapier des SEM, welches dieser Zeitung zusammengefasst vorliegt. Darin findet sich eine nicht repräsentative Umfrage, wonach die Migration aus wirtschaftlichen und familiären Überlegungen stattfindet. Es geht um die Suche nach dem Glück oder, wie es im Bericht heisst: «die Omnipräsenz der Option Migration und deren sozialkonstruierte Verheissungen».

Diesen Donnerstag traf sich Bundesrat Beat Jans in Bern zu Gesprächen mit dem algerischen Aussenminister, es ging auch um Migration, der genaue Inhalt blieb unbekannt. Um die Asylkriminalität nachhaltig einzudämmen, hilft wohl ohnehin nur der neue EU-Asylpakt. Dieser tritt im Juni in Kraft und soll die irreguläre Migration nach Europa reduzieren mittels Auffangzentren an den EU-Aussengrenzen. «Werden diese Ziele erreicht, profitiert davon auch die Schweiz», heisst es beim SEM.

Und Mahmoud in Embrach? Ihm sei langweilig, er habe kein Tagesprogramm, sagt er. Nur ein wenig Sport. Er deutet auf den hohen Zaun des Bundesasylzentrums, hinter dem ein Basketballplatz steht. Mahmoud läuft davon in Richtung Dorfzentrum. Noch ist offen, auf welcher Seite der Statistik er dereinst auftauchen wird.