Direkt zum Inhalt
Für eine andere Entwicklungspolitik!

Tod auf dem Atlantik

Afrika

10.2.2026

Deutsche Welle

Migration Afrika

 Das Meer ist nicht die einzige Gefahr

Jan-Philipp Scholz

Die Überfahrt zwischen Afrika und den Kanarischen Inseln gilt als gefährlichste Migrationsroute der Welt. Rund 2000 Menschen kamen 2025 auf ihr ums Leben. Immer wieder kommt es auch zu Gewalt an Bord der Boote.

Irgendwo zwischen Südmarokko und der spanischen Insel Teneriffa begann für Ismael Ouattara die Hölle. Innerhalb von 24 Stunden starben seine einjährige Tochter und seine Ehefrau. Da trieb ihr Boot bereits seit mehreren Tagen manövrierunfähig auf dem Atlantik. "Meine Tochter starb in meinen Armen. Am nächsten Morgen wachte meine Frau einfach nicht mehr auf. Ich denke, wegen des Schocks über den Tod", erinnert sich der junge Mann.

"Sie denken, auf hoher See könnten sie sich alles erlauben"

Wie Zehntausende andere hatte Ouattara zusammen mit seiner Familie die Elfenbeinküste verlassen, um in Europa einen besser bezahlten Job zu finden. Dass die Überfahrt zu einer solchen Katastrophe werden könnte, hätte er sich niemals vorstellen können. "Die Toten wurden einfach sofort ins Meer geworfen", erinnert sich der Ivorer. "Die anderen fragen da nicht lange nach Erlaubnis."

Das Ereignis liegt inzwischen vier Jahre zurück, aber Ouattara schmerzt es bis heute, dass andere Passagiere so respektlos mit den Leichen seiner Angehörigen umgingen. Immerhin gab es danach keine Gewaltausbrüche unter den überlebenden Bootsinsassen, so der Ivorer. Denn dies sei in solchen Extremsituationen an Bord nicht ungewöhnlich.

Mohammed Manga hat genau das erlebt. "Es gab viel Gewalt auf unserem Boot", erinnert sich der junge Gambier, der 2023 auf den Kanarischen Inseln ankam. "Am vierten Tag auf dem Meer gerieten einige in Panik und beschuldigten sich gegenseitig, Hexen zu sein." Diese Mischung aus einer Ausnahmesituation und dem Glauben an magische Kräfte mache solche Ereignisse laut ehemaligen Passagieren besonders explosiv.

Zwar ist laut Mangas Erinnerung bei der Gewalt an Bord niemand ums Leben gekommen, aber es habe viele Verletzte gegeben. Zur Rechenschaft gezogen wurde seines Wissens dafür niemand - auch später nicht, als das Boot schließlich die Kanarischen Inseln erreichte. "Es ist sehr schwierig, dann noch irgendetwas zu unternehmen. Deshalb denken manche Leute, auf hoher See könnten sie sich alles erlauben."

Passagiere lebend ins Meer geworfen

In jüngster Zeit sind die Überfahrten auf der sogenannten Atlantik-Route zwischen Afrika und den spanischen Kanaren deutlich zurückgegangen. Waren es laut offiziellen Zahlen 2024 noch mehr als 40.000 Migranten, die auf den Inseln ankamen, sank die Zahl ein Jahr später auf rund 18.000 Personen. Die meisten Beobachter führen dies auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Europa und klassischen Transitländern wie Mauretanien und Marokko zurück und - damit zusammenhängend - auf strengere Grenzkontrollen in diesen Staaten. Gleichzeitig mehren sich die Fälle, bei denen von extremer Gewalt und sogar mutmaßlichen Morden an Bord der Boote berichtet wird.

Mitte 2024 sollen drei Senegalesen zahlreiche Personen auf einem Boot so schwer misshandelt haben, dass es bei einigen zu bleibenden Schäden kam. Im Herbst 2025 nahm die spanische Polizei 19 Personen fest, nachdem rund 50 Passagiere eines Bootes zwischen dem Senegal und Gran Canaria ums Leben kamen - ein mutmaßlicher Massenmord auf Hoher See. Ihnen wird schwere Misshandlung und Mord vorgeworfen. Überlebende berichten, dass die Beschuldigten auf Dutzende Passagiere losgingen, sie zu Tode prügelten und teilweise noch lebend ins Meer warfen. Inwiefern es sich bei ihnen um Mitglieder von Schleusernetzwerken oder auch um einfache Passagiere handelte, ist bisher unklar. Die zuständige spanische Nationalpolizei möchten sich auf DW-Anfrage nicht zu den Vorfällen äußern.

Widersprüche bei Zeugenaussagen

Loueila Sin Ahmed Ndiaye arbeitet als Rechtsanwältin auf den Kanarischen Inseln und hat regelmäßig mit ähnlichen Fällen zu tun. Sie erklärt, dass gleich eine ganze Reihe von Gründen die strafrechtliche Verfolgung von Gewalttaten auf den Migrantenbooten extrem schwierig mache. Dies beginne bereits bei Fragen der Zuständigkeit, denn meist fänden die Straftaten nicht auf spanischem Territorium statt und beträfen auch keine spanischen Staatsbürger. Hinzukämen massive Probleme mit Zeugenaussagen.

"Die zahlreichen Polizeiberichte, die wir gelesen haben, zeigen, dass die Menschen das Zeitgefühl verlieren. Die Kälte, die Ungewissheit, kein Land in Sicht, die Angst - das alles kann dazu führen, dass ihre psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigt ist", so Sin Ahmed Ndiaye. Dadurch komme es oft zu Widersprüchen bei den Zeugenaussagen. "Es macht sogar einen Unterschied, ob jemand vorne oder hinten im Boot saß, sodass die Aussagen oft kein schlüssiges Bild ergeben."

Außerdem weigerten sich viele überlebende Passagiere, mit den spanischen Behörden zu kooperieren. Selbst den ihnen zur Verfügung gestellten Anwälten misstrauten sie. "Nach zehn bis 14 Tagen auf See sind sie verängstigt und das letzte, was sie wollen, ist einem Gerichtsverfahren ausgesetzt zu sein und Mitreisende zu belasten."

Leidtragende seien meist die besonders verletzlichen Gruppen an Bord: "Kinder, Minderjährige, die allein reisen, und natürlich auch Frauen." Am Ende führe dies dazu, dass in vielen Fällen neben der fehlenden strafrechtlichen Verfolgung auch eine Entschädigung, die allen Gewaltopfern und ihren Familien eigentlich zustehe, ausbleibe.

Kein Ort zum Trauern

Für den Migranten Ismael Ouattara, der Frau und Tochter verlor, ist eine finanzielle Entschädigung nicht entscheidend. Vier Jahre nach dem grausamen Vorfall auf dem Atlantik hat er sich mit seiner älteren Tochter, die wie er die Überfahrt überlebt hat, ein neues Leben auf den Kanarischen Inseln aufgebaut. Aber bis heute vermisst er einen Ort, an dem er um seine Frau und Tochter trauern kann. "Ich habe nur noch die Erinnerungen. Kein Grab, an das ich Blumen bringen könnte. Das macht die Situation für mich besonders schwer erträglich."

Mitarbeit: Nayra Collado