Unter den Kommunisten floriert die Wirtschaft in Vietnam
21.1.26 NZZ
Mit ambitionierten Plänen will man endlich Thailand überholen – gleichzeitig wird das Land immer unfreier
Andreas Babst, Bangkok
Am Montag hat in Vietnams Hauptstadt Hanoi der Kongress der Kommunistischen Partei Vietnams begonnen, der alle fünf Jahre stattfindet. Erster Punkt auf der Tagesordnung war ein Besuch der Parteifunktionäre im Mausoleum von Ho Chi Minh. Die Kommunistische Partei Vietnams zieht ihr Selbstverständnis aus den Kämpfen und Siegen ihres Vordenkers – «Onkel Ho» kennt in Vietnam jedes Kind. Seine Bücher schmücken die Bücherregale in Hanoi, in der Schule lernen die Kinder, wie Ho Chi Minh gegen die Imperialisten kämpfte – das Ende des Vietnamkriegs erlebte Ho Chi Minh nicht mehr, er starb 1969. Aber seit dem Rückzug der Amerikaner und der Eroberung Südvietnams wird das Land von der von ihm gegründeten Partei regiert.
Am Parteikongress in Hanoi wird es allerdings weniger um die Vergangenheit gehen, vielmehr werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Vietnam hat sich in den vergangenen Jahren zu einer regionalen Wirtschaftsmacht entwickelt. Gemäss Prognosen dürfte das Bruttoinlandprodukt Vietnams dieses Jahr jenes des ewigen Konkurrenten Thailand übersteigen.
Jung und gut ausgebildet
Vietnam hat in den vergangenen Jahren geschafft, wovon gleich mehrere regionale Konkurrenten träumen: Es hat sich zu einem wichtigen globalen Produktionsstandort entwickelt, nicht nur für Textilien, sondern auch für Elektronikartikel wie Laptops und Smartphones. Die Bevölkerung ist jung und relativ gut ausgebildet.
In den kommenden Tagen werden die 1586 Delegierten am Parteikongress eine neue Führung wählen. Erwartet wird, dass To Lam als Generalsekretär bestätigt wird. Der 68-Jährige trat sein Amt erst 2024 an, als sein Vorgänger verstarb. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei führt auch den Staat, die Bevölkerung wird nicht befragt.
To Lam sieht sich selber als Wirtschaftsreformer, er hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Vietnams Wirtschaft soll im kommenden Jahr um über 10 Prozent wachsen – derzeit prognostiziert sind 8 Prozent. Vietnam bemüht sich, Hürden für Privatunternehmen abzubauen und noch mehr ausländische Unternehmen ins Land zu locken. Vorwiegend solche, die ihre Abhängigkeit vom Produktionsstandort China verringern wollen.
Der alte und wahrscheinlich neue Generalsekretär ist allerdings kein politischer Reformer: Er hat die Kompetenzen der Geheimpolizei und damit die Überwachung und Zensur im Land ausgebaut. Am Ende des Kongresses könnte er nicht nur das Amt des Generalsekretärs ausüben, sondern gleichzeitig jenes des Präsidenten – laut Verfassung zwei unterschiedliche Rollen, wobei jene des Präsidenten vor allem zeremoniell ist.
Grassierende Korruption
Die Wirtschaftszahlen Vietnams überdecken zudem einige der dringenderen Probleme des Landes. In einer Volksbefragung identifizierten die meisten Bürger die grassierende Korruption als dringlichstes Problem. Im vergangenen Jahr verkündete die Regierung, strenger durchzugreifen. Gleich mehrere Beamte und Parteifunktionäre wurden öffentlichkeitswirksam verurteilt. Laut Berichten in den Staatsmedien hatten sie bei öffentlich ausgeschriebenen Projekten Beträge von insgesamt mehreren Millionen Dollar für sich abgezweigt.
Die neue Führung der Kommunistischen Partei dürfte daran gemessen werden, ob sie die ambitionierten Wirtschaftsziele erreicht – und nicht nur regionale Konkurrenten wie Thailand hinter sich lässt, sondern zu asiatischen Wirtschaftsmächten wie Südkorea oder Taiwan aufschliessen kann. All dies, während es für Länder in Südostasien immer schwieriger wird, zwischen den Grossmächten USA und China zu balancieren: Der amerikanische Präsident Donald Trump droht Vietnam mit noch höheren Zöllen, sollte sich herausstellen, dass chinesische Produkte über Vietnam in die USA exportiert werden. Und Chinas Machtanspruch im Südchinesischen Meer steht im Konflikt mit den vietnamesischen Hoheitsansprüchen.