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Frauen in Kenia: Niemanden mehr um Erlaubnis bitten müssen

17.10.26  Vatican News

Frauen in Kenia: Niemanden mehr um Erlaubnis bitten müssen

Im „Salama“-Zentrum der Koinonia-Gemeinschaft in Nairobi lernen junge Mütter einen Beruf und kämpfen um wirtschaftliche Unabhängigkeit. Viele von ihnen haben Ausgrenzung, Armut und schwierige familiäre Verhältnisse erlebt. Die Geschichten von Daisy, Eva und Damaris erzählen von Rückschlägen, neuen Chancen und dem Wunsch, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.

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Guglielmo Gallone – Nairobi, Kenia

Es scheint, als würden die Kinder hier nie aufhören zu weinen. Gemeint sind die Kinder der jungen Frauen, die im „Salama“-Zentrum betreut werden. Sie warten darauf, dass ihre Mütter ihre Ausbildungskurse beenden: Jeden Morgen lernen diese dort nähen, kochen, lassen sich zur Friseuse oder Kosmetikerin ausbilden.

Die Kurse dauern drei bis sechs Monate. Für viele dieser Frauen sind sie jedoch weit mehr als eine berufliche Qualifikation: Sie eröffnen ihnen neue Perspektiven und können ihr Leben grundlegend verändern. Die 37 Frauen und Mitarbeiter des Zentrums stammen alle aus Kibera, einer der größten informellen Siedlungen Afrikas. Rund eine halbe Million Menschen leben dort auf etwa 2,5 Quadratkilometern.

Zwar entstehen allmählich erste solide Wohnhäuser, und auch mit der Reinigung des Flusses wurde inzwischen begonnen. Doch die Armut ist noch immer allgegenwärtig. Die meisten Menschen leben in einfachen Hütten, ohne Toilette und fließendes Wasser. Wer Strom haben möchte, muss sich häufig mit illegalen Anschlüssen behelfen. Dabei kommt es immer wieder zu Bränden, die ganze Hütten in Flammen aufgehen lassen. Auch das „Salama“-Zentrum bleibt von diesen schwierigen Bedingungen nicht verschont: Erst am Abend vor unserem Besuch wurde die Wasserpumpe gestohlen, und auch ein Wasserleck musste behoben werden.

Ein Ort für einen Neuanfang

Im Zentrum werden wir von Pater Renato Kizito Sesana empfangen. Seine „Koinonia“- Gemeinschaft hat die Einrichtung 2018 gegründet, um Frauen in Kibera zu unterstützen.

Die Siedlung liegt nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum Nairobis entfernt. Enge Gassen schlängeln sich vorbei an Wellblechhütten, kleinen Geschäften, Schulen, Kirchen und einfachen Gewerbebetrieben. Die Vereinten Nationen weisen auf offene Abwasserkanäle, unzureichende Entwässerung und fehlende sanitäre Einrichtungen hin. Kein Wunder, dass Atemwegserkrankungen, Tuberkulose, HIV/AIDS, Durchfallerkrankungen und andere Infektionskrankheiten an der Tagesordnung sind.

Daisy: den eigenen Weg finden

Daisy Ogola begegnen wir zunächst im Erdgeschoss des Zentrums. Sie gibt Kindern Englischunterricht. Später treffen wir sie auf der Terrasse wieder, die künftig als Spiel- und Aufenthaltsbereich für die Kinder dienen soll. Dort erzählt sie uns ihre Geschichte.

Mit nur 23 Jahren ist Daisy bereits Mutter von zwei Kindern, einem Sohn und einer Tochter. Als ihre Eltern von ihrer ersten Schwangerschaft erfuhren, haben sie sich von ihr abgewandt. Dabei hatte Daisy gerade die vierte und letzte Klasse der weiterführenden Schule abgeschlossen und gehofft, ihre Ausbildung fortsetzen zu können.

„Meine Eltern waren schockiert, als sie von meiner Schwangerschaft erfuhren. Sie fragten mich: Wie konnte das passieren? Du bist noch nicht einmal an der Universität, hast noch keins deiner Ziele erreicht“. Ihre Eltern hätten ihr gesagt, sie habe diesen Weg gewählt und müsse nun allein damit zurechtkommen. Daisy stand vor dem Nichts, und zog schließlich zum Vater ihres Kindes. Nach der Geburt wurde sie erneut schwanger. Das Paar beschloss, aus einem kleinen Dorf im Westen Kenias nach Nairobi zu ziehen – nach Kibera.

„Meine Eltern waren schockiert, als sie von meiner Schwangerschaft erfuhren“



Im „Salama“-Zentrum fand Daisy Unterstützung. Doch ihre Probleme verschwanden dadurch nicht. Der Vater ihrer Kinder will nicht, dass sie arbeitet und finanziell unabhängig wird. Er fürchtet, dass sie ihn dann nicht mehr braucht. „Ich glaube, er ist eifersüchtig. Er hat Angst, dass ich nicht mehr auf ihn angewiesen bin, wenn ich eine Arbeit habe. Er hat im Zentrum angerufen und den Mitarbeitern gesagt, dass sie mir nicht helfen sollen“, erzählt Daisy. Aber auf ihn könne sie sich ohnehin nicht verlassen: Heute sage er das eine, morgen das andere. Auf die Frage, ob sie sich eine gemeinsame Zukunft mit ihm vorstellen könne, antwortet sie ohne Zögern: „Wenn ich könnte, würde ich lieber allein mit meinen Kindern leben.“

Auch das Verhältnis zu ihren Eltern ist nach wie vor schwierig. Zwar telefonieren sie gelegentlich miteinander, gesehen hat Daisy sie jedoch seit drei Jahren nicht mehr – seit dem Tag, an dem sie ihr Elternhaus verlassen hat. „Ich werde ihnen vergeben, weil sie meine Eltern sind“, sagt sie. „Was geschehen ist, ist geschehen. Aber ein Teil dieser Vergangenheit belastet mich noch immer.“

Trotzdem blickt Daisy nach vorn. Im Zentrum hat sie neue Fähigkeiten erworben und beginnt, wieder an ihre eigenen Möglichkeiten zu glauben. Sie träumt davon, eines Tages einen Catering-Service zu eröffnen. „Im Vergleich zu früher habe ich heute Fähigkeiten, die mich meinen Zielen näherbringen. Es war nicht leicht, aber ich habe viele Hürden gemeistert und viel gelernt. Jetzt kann ich zumindest stolz auf mich sein“, sagt sie. Mutter von zwei kleinen Kindern zu sein und gleichzeitig für ihren Lebensunterhalt sorgen zu müssen, sei nicht einfach.

Dass Daisy heute selbst Kinder unterrichtet, ist ein Zeichen dafür, wie viel sich bereits verändert hat. Sie ist nicht mehr auf Unterstützung angewiesen – sie kann ihr Wissen sogar weitergeben.

Frauen, die am Nähkurs teilnehmen


Der Weg in die Selbstständigkeit braucht Unterstützung

Samuel Mwita koordiniert die Ausbildungskurse im „Salama“-Zentrum. Er ist der einzige Mann, der dort Vollzeit arbeitet. Für ihn ist klar, dass die Position der Frauen gestärkt werden muss – und das könne nicht allein Aufgabe von Frauen sein. Männer müssten dabei mitwirken. Viele Mädchen würden bereits in jungen Jahren ungewollt schwanger. Gerade in Kibera würden sie deshalb häufig von ihrem Umfeld ausgegrenzt. Manche müssten ihre Schulausbildung abbrechen, andere würden früh verheiratet oder von ihren Eltern aus dem Haus geworfen. Viele seien gezwungen, allein zurechtzukommen, und fühlten sich zunehmend isoliert. „Sie werden als Versagerinnen angesehen“, sagt Mwita.

Genau hier setzt die Arbeit des Zentrums an. Wie Psychologin Lara Aiello erklärt, geht es nicht nur darum, den jungen Frauen berufliche Fähigkeiten zu vermitteln. Entscheidend sei, ihnen ihre Würde zurückzugeben und ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. „Wir wollen diesen Mädchen ihre Würde zurückgeben. Und dabei wollen wir Kibera nicht als einen Ort betrachten, der ohne Hoffnung ist“, so Aiello. Die Kurse seien auch eine Gelegenheit, die jungen Frauen kennenzulernen und sie auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben, in die Selbstständigkeit und zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu begleiten. Es gehe darum, ihnen zu zeigen, dass sie etwas wert seien – in Kibera und überall sonst.

Kibera vom "Salama-Zentrum" aus gesehen

Eva: eigenes Geld, neue Anerkennung

Auch Eva weiß, was es bedeutet, ausgegrenzt zu werden. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt allein. Geboren wurde sie im kenianischen Bezirk Meru, doch seit der vierten Grundschulklasse ist Kibera ihr Zuhause. Trotz finanzieller Schwierigkeiten hat sie den Abschluss der weiterführenden Schule geschafft. Weil sie die ausstehenden Schulgebühren nicht bezahlen konnte, hat sie jedoch ihr Abschlusszeugnis nicht bekommen. Damit blieb ihr der Weg zu einer weiterführenden Ausbildung am College versperrt. Später wurde sie schwanger. Der Alltag wurde zum täglichen Kampf. Es fehlte an Geld für Lebensmittel, Kleidung und Windeln. Besonders schmerzhaft war für Eva die Verachtung, die man ihr entgegenbrachte. „Die Leute in der Nachbarschaft machten sich über mich lustig, weil ich mir keine Windeln für meine Kinder leisten konnte. Sie fragten mich: Was glaubst du eigentlich, was du tust, wenn du nicht einmal für deine Kinder sorgen kannst?“, erinnert sie sich.

Im „Salama“-Zentrum hat Eva einen dreimonatigen Kosmetik-Kurs gemacht. Man hat ihr dort auch eine Stelle als Reinigungskraft gegeben. Ihr berufliches Ziel hat sie damit noch nicht erreicht. Aber wenigstens verdient sie zum ersten Mal ihr eigenes Geld. „Es ist noch nicht das, was ich mir für mein Leben wünsche. Aber ich bekomme ein Gehalt. Es ist mein Geld. Damit kann ich mich um meine Kinder kümmern, ohne darauf warten zu müssen, dass andere etwas für mich tun.“

Jetzt, wo sie ein eigenes Einkommen hat, hat sich auch ihr Umfeld verändert, berichtet sie weiter. Heute könne sie ihre Geschichte mit anderen teilen. Und selbst Menschen, die früher auf sie herabgesehen hätten, begegneten ihr inzwischen mit Respekt. Für Eva bedeutet finanzielle Unabhängigkeit mehr als nur ein regelmäßiges Einkommen: Es gibt ihr die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und für ihre Kinder zu sorgen.

Kibera

Damaris: Wieder in Würde leben können

Damaris ist 25 Jahre alt. Sie hatte ihre Schulausbildung 2018 abgeschlossen und dann einen jungen Mann kennengelernt, der ihr die Ehe versprach. Sie wurde schwanger. Doch sein Versprechen hielt ihr Freund nur bis zur Geburt ihrer Tochter. Als Damaris ins Krankenhaus ging, um ihr Kind zur Welt zu bringen, verließ er sie  – und kam nie wieder zurück. Bis heute weiß sie nicht, wo er ist. Ihre Tochter ist zehn Monate alt.

Ihre Geschichte ist in Kibera kein Einzelfall. Damaris beschreibt, wie schwierig die Lebensbedingungen gerade für junge Frauen sein können. „Manche Häuser in Kibera sind so überfüllt, dass bis zu zehn Menschen darin wohnen. Wenn ein Mädchen älter wird, fühlt es sich irgendwann als Belastung für die Familie. Eine Beziehung oder eine frühe Heirat kann dann oft wie ein Ausweg aus der Armut erscheinen“, erklärt sie. Doch die schwierigen Verhältnisse machen junge Frauen auch anfällig für Ausbeutung. Manche würden in die Kriminalität abrutschen, andere sich in Ehen flüchten, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.

Damaris besucht inzwischen die Kurse im „Salama“-Zentrum. Sie hat klare Vorstellungen davon, was sie erreichen möchte: Sie will ein eigenes kleines Zentrum eröffnen, in dem Mädchen und Jungen, Frauen und Männer zusammenkommen können. Dort möchte sie das Wissen anwenden, das sie derzeit erwirbt.

„Ich muss meine Tochter großziehen. Ich habe keine Arbeit, ich habe nichts. Deshalb gebe ich mir im Unterricht die größte Mühe“, sagt sie. Je länger Damaris über ihre Zukunft spricht, desto konkreter werden ihre Vorstellungen. Sie träumt von einem eigenen Unternehmen, das Kunden aus Kibera, ja vielleicht sogar aus ganz Nairobi anzieht.

Doch ihr Traum geht über wirtschaftlichen Erfolg hinaus. Sie möchte, dass sie die Menschen eines Tages nicht mehr als das Mädchen sehen, das mit einem Neugeborenen im Arm im Krankenhaus zurückgelassen wurde und in einem der größten Slums Afrikas lebt.

Eine ehrenamtliche Helferin im "Salama-Zentrum"

Die eigene Zukunft selbst gestalten

Daisy, Eva und Damaris haben unterschiedliche Geschichten. Doch sie haben eines gemeinsam: den Wunsch, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu geben.

Das „Salama“-Zentrum kann ihre Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Es kann ihnen aber Wissen, Unterstützung und neue Perspektiven vermitteln. Die Ausbildung gibt ihnen die Möglichkeit, ihr eigenes Geld zu verdienen – und die Erfahrung zu machen, dass sie trotz ihrer schwierigen Vergangenheit nicht auf diese reduziert werden müssen.

Mit diesem Gedanken verabschieden wir uns von Damaris – und mit der Hoffnung, dass sie ihren Traum verwirklichen kann. Dass sie eines Tages für das bekannt sein wird, was sie erreicht hat - und nicht für das, was ihr widerfahren ist. Und dass auch die anderen Frauen von Kibera die Chance erhalten, ihren eigenen Weg zu gehen.

Hintergrund

Die Koinonia-Gemeinschaft ist eine christliche Laiengemeinschaft, die soziale und humanitäre Projekte in Kenia, Sambia und im Nubagebirge im Sudan vorantreibt. Gegründet wurde sie 1988 von Comboni-Missionar Pater Renato Kizito Sesana und einer Gruppe junger Männer unterschiedlicher Berufe und Herkunft. Die Mitglieder leben wie eine Familie zusammen – nach dem Vorbild der ersten Christen, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Die Gemeinschaft zählt heute rund 30 Mitglieder.

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