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Das LNG-Desaster von Total

Mosambik

22.5.2026   Wirtschaftswoche

Das LNG-Desaster von Total – und Siemens Energy hängt mittendrin. Während Total Energies in Deutschland offenbar Windprojekte aufgibt, treibt der Konzern ein riesiges Gasprojekt in Afrika voran – trotz Klagen, Terror und staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen. Auch ein deutscher Konzern ist beteiligt. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.

Clara Thier

Während Total Energies sich in Deutschland mutmaßlich aus Windkraft-Projekten in Milliardenhöhe an der Nord- und Ostsee aus mangelnder Wirtschaftlichkeit zurückziehen will, läuft die fossile Expansion des Konzerns derzeit auf Hochtouren. Ende Januar verkündet Patrick Pouyanné, Chef von Frankreichs größtem Energiekonzern, eines seiner umstrittensten Großprojekte nach viereinhalb Jahren Pause offiziell fortzusetzen: „Mozambique LNG“. Ein Flüssiggas-Projekt an der Nordküste Mosambiks mit einem Budget, fast so groß wie das Bruttoinlandsprodukt des afrikanischen Landes – 20 Milliarden US-Dollar.

Das Land ist eines der ärmsten Länder Afrikas, aber die riesigen Erdgasvorkommen vor der Küste wecken die Hoffnung, dass sich das einmal ändern könnte.

Nur einen Monat später erweist sich das Timing seiner Ankündigung als geradezu perfekt gewählt, wenn auch aus makabren Gründen: Ende Februar greifen Israel und die USA den Iran an, in der Folge wird die  Straße von Hormus gesperrt, eine globale Öl- und Gaskrise entwickelt sich. Die Nachfrage nach Flüssiggas steigt, ebenso der Preis. Im April frohlockt Pouyanné im Telefonat mit Analysten: Dank des Projekts könne Mosambik „das Katar Afrikas“ werden. „Und wir sind stolz darauf, dieses Projekt in Mosambik mit aufzubauen.“

Mosambik, das Katar Afrikas? Zumindest die Erdgasvorkommen des afrikanischen Landes sind, ähnlich wie in Katar, tatsächlich groß. Vor der Küste liegen Milliarden Kubikmeter des fossilen Energieträgers. Das Gas wollen Pouyanné und seine Geschäftspartner anzapfen und zum größten Teil exportieren. Der italienische Mineralölkonzern Eni fördert hier bereits, ExxonMobil hat ebenfalls Förderpläne. Doch das Projekt hat zugleich einen mindestens bitteren Beigeschmack: Investoren, Nichtregierungsorganisationen und Einheimische erheben massive Menschenrechtsvorwürfe gegenüber dem Projekt, an dem auch ein deutsches Unternehmen als Zulieferer beteiligt ist: Siemens Energy.

Ein LNG-Projekt mitten im Krisengebiet

Das LNG-Projekt unter der Leitung von Total Energies liegt an der Küste der nördlichen Provinz Cabo Delgado. Es umfasst die Erschließung der Erdgasfelder Golfinho und Atum sowie den Bau einer Verflüssigungsanlage mit zwei Zügen; die geplante Jahreskapazität des Projekts liegt bei 13 Millionen Tonnen Erdgas. Neben Total Energies sind Partnerunternehmen aus Indien, Japan, Thailand und der mosambikanische Staat beteiligt.

Seit der Wiederaufnahme treibt Total Energies das Projekt mit großer Dynamik voran. Bis spät in die Nacht sollen die Subunternehmer an dem LNG-Projekt arbeiten, berichtet Daniel Ribeiro von der lokalen Menschenrechtsorganisation Justiça Ambiental.

Dass seine Organisation sich für das Projekt interessiert, ist schon bei einem genaueren Blick auf die Satellitenbilder der Anlage nachvollziehbar: Entwickelt wird das LNG-Projekt hinter einem doppelten Zaun, der auch den lokalen Flughafen einschließt. Das bestätigt auch Peter Bofin, Analyst für Südostafrika beim Sicherheits-Thinktank ACLED. „Fast keine Lieferungen kommen auf dem Landweg an; aus Sicherheitsgründen werden stattdessen See- und Luftwege genutzt“, sagt Bofin.

Denn die Sicherheitslage in der Provinz Cabo Delgado ist ausgesprochen angespannt. Seit 2017 kommt es in der Region immer wieder zu Aufständen und Angriffen von militanten islamistischen Gruppen, die schon für tausende Tote und hunderttausende Vertriebene gesorgt haben. Die heimische Armee und das Konsortium um Total Energies scheinen mit der Lage massiv überfordert. Aktuell sorgen ruandische Truppen für ein Mindestmaß an Sicherheit.

2021 griffen dschihadistische Gruppen die in der Nähe des LNG-Projekts gelegene Stadt Palma an. Total Energies rief daraufhin den Zustand der „Force Majeure“, also der „höheren Gewalt“, aus und stellte die Aktivitäten vor Ort ein.

Um das eigene Gelände zu bewachen, habe der Konzern mit dem mosambikanischen Militär kooperiert und soll dabei Streitkräfte finanziell und materiell unterstützt haben. Wenige Monate nach dem Terrorangriff sollen diese Streitkräfte laut einer intensiven Recherche des US-Portals „Politico“ Menschen am Eingang des LNG-Projekts in Containern festgehalten haben. Laut Politico seien dabei 97 Menschen ums Leben gekommen. Total Energies bestreitet die Vorwürfe.

Total Energies: Zwei Klagen und zurückgezogene Exportgarantien

Aufgrund der Ereignisse ist Total Energies gleich mit zwei Klagen konfrontiert: 2023 klagten Überlebende des Terrorangriffs, das Unternehmen habe seine Subunternehmer nicht ausreichend geschützt. Seit März 2025 untersucht die französische Staatsanwaltschaft in Vorermittlungen daher wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und unterlassene Hilfeleistung durch Total Energies.

Des Weiteren klagte die Menschenrechtsorganisation „European Center for Constitutional and Human Rights“ (ECCHR) im November 2025 wegen Beihilfe zu Kriegsverbrechen, Folter und Verschleppung. „Unternehmen und ihre Führungskräfte sind keine neutralen Akteure, wenn sie in Konfliktgebieten tätig sind“, sagt Clara Gonzales vom ECCHR.

Doch es sind nicht nur Menschenrechtler, die Kritik äußern – auch europäische Staaten haben ihre Zweifel: Im Dezember ziehen die Niederlande und Großbritannien ihre Exportgarantien in Höhe von 2,2 Milliarden US-Dollar unabhängig voneinander zurück. Beide hatten unabhängige Dienstleister beauftragt, die menschenrechtliche Lage vor Ort zu untersuchen. Das Ergebnis war für sie nicht tragbar.

Gleichwohl verkündet Total Energies Ende Januar 2026: Man wolle weitermachen. 4000 Arbeiter seien involviert, der Projektfortschritt liege derzeit bei 40 Prozent, die erste LNG-Lieferung erwarte man 2029. Vorbereitet war diese Wiederaufnahme offenbar schon länger. Zwar galt noch bis November 2025 offiziell die „Force Majeure“, doch Satellitenbilder zeigen, wie Total Energies schon in den Jahren 2024 und 2025 die Bauarbeiten vorantreibt. Eine diesbezügliche Nachfrage der WirtschaftsWoche ließ das Unternehmen unbeantwortet.

Interne Bedenken bei Zulieferer Siemens Energy

In Deutschland versuchen Aktivisten, indirekt Druck auf das Projekt auszuüben. 26. Februar 2026, die Berliner Veranstaltungshalle „Station“ ist gut besucht, aber die hinteren Stuhlreihen bleiben leer. Es ist die erste Hauptversammlung von Siemens Energy in Präsenz, seit das Unternehmen von der ehemaligen Mutter Siemens abgespalten wurde. Die Stimmung im Konzern ist ausgezeichnet – der Aktienkurs hat sich in den vergangenen zwei Jahren verzehnfacht, vor lauter Aufträgen für Gasturbinen und Netztechnik kann sich der Konzern gar nicht retten.

Gute Gründe also, um zu feiern. Doch auf den Redelisten wollen einige genau das Gegenteil: Kritik üben, warnen, schimpfen, flehen – was sich der Vorstand eines Energietechnikkonzerns mit fossilen Projekten in Krisengebieten eben anhören muss.

Angeblich hätten die Vorstandsmitglieder vor lauter Kritik sogar Sorge um ihre Sicherheit gehabt. Doch der Auftritt der zwei Dutzend Demonstrierenden, die mit ihren bunten Strickmützen und selbst gemalten Plakaten an dem Morgen vor dem Eingang stehen, ist zwar laut, aber alles andere als Furcht einflößend. Sie skandieren: „Ich sag’ Gas – ihr sagt Stopp.“ „Gas!“-„Stop“-„Gas!“-„Stop!“ „Menschenrechte achten: Keine Gasturbinen an Mozambique LNG!“ steht auf dem Banner. Denn 2020 hatte Siemens Energy zugesagt, sechs Gasturbinen und vier Kompressoren nach Mosambik zu liefern – schätzungsweise ein Auftrag im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich. Die Lieferungen waren für 2021 und 2022 geplant. Dann kamen der Terror, die Klagen, die Kritik. Bis heute hat Siemens Energy nicht geliefert.

Unter den Aktivisten ist auch Sonja Meister. Ein paar Stunden später hält die Mitarbeiterin der NGO „Urgewald“ für den Dachverband der Kritischen Aktionäre und Aktionärinnen auf der Hauptversammlung ihre Rede. Sie zählt die Missstände des Projekts auf, etwa hunderte bisher unzureichend entschädigte Familien, die für das Projekt umgesiedelt wurden und ihre Lebensgrundlage verloren.

Meister stellt insgesamt vierzehn Fragen an die Konzernleitung, will unter anderem wissen, wie es sein könne, dass das Projekt die eigenen sozialen Standards erfülle? Ob es eine Risikoanalyse gab, ob diese veröffentlicht werden könne? Sie appelliert an den CEO: „Herr Bruch: Wenn Sie keine schwerwiegenden Bedenken bei diesem Projekt haben, verliert Siemens Energy jegliche Glaubwürdigkeit für Standards bei Klimaschutz und Menschenrechten. Es ist mehr als an der Zeit, dass sich Ihr Unternehmen endlich von diesem Projekt zurückzieht.“

CEO Christian Bruch verzieht keine Miene. „Wir sind natürlich immer wieder in Krisengebieten unterwegs“, sagt er verteidigend. Man sei überzeugt, dass die Region wirtschaftliche Entwicklung und eine Energieversorgung benötige. Die damalige Risikoanalyse habe nichts aufgezeigt. Der ursprüngliche Liefervertrag umfasse nur die Lieferung und nicht den Service oder die Wartung. Man sei nicht operativ tätig in Mosambik. „Ein Rückzug ist derzeit nicht vorgesehen und diese Verträge sind rechtlich bindend.“ Man stehe im Austausch mit Total Energies und bitte dort um weitere Einschätzungen zur Lage.

Es ist eine klare Absage an die Forderungen von Meister. Aber Bruch klang auch schon einmal überzeugter. Im November 2025 verkündete der CEO auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens im Berliner Gasturbinenwerk: „Total Energies ist für uns ein superwichtiger Kunde. Wir haben großes Vertrauen in ihr Verhalten.“

Großes Vertrauen? Intern hegte der Konzern sehr wohl Zweifel an dem Projekt des Kunden. Viele Monate nach den Unruhen in Mosambik beschäftigte das Thema auch die zuständigen Gremien im Aufsichtsrat von Siemens Energy. Es ging um die Frage, ob die Risiken einen Ausstieg aus dem Vertrag erforderten. Zwei Aspekte standen einander gegenüber: Schutz der Menschenrechte einerseits, drohende Geschäftseinbußen andererseits. Aus Aufsichtsratskreisen heißt es, die Botschaft des Vorstands sei gewesen, dass die Risiken beherrschbar seien und man das Geschäft weiterverfolgen wolle.

Doch bisher sei der Auftrag für die Lieferung intern weiterhin pausiert, wie die WirtschaftsWoche aus Unternehmenskreisen erfahren hat. Die notwendigen Gasturbinen sollen aus dem Werk in Schweden kommen, die Kompressoren, die verdampfendes Gas wieder verflüssigen und so Leckagen vermeiden sollen, aus Duisburg. Noch immer, heißt es im Mai, sei man im Austausch mit Total Energies und prüfe die Randbedingungen. Zum Stand des Auftrags will sich das Unternehmen nicht äußern.

Das Unternehmen beruft sich auf seine Standards zu Menschenrechten, Umwelt- und Klimaschutz. Daniel Ribeiro von Justiça Ambiental wirft Siemens Energy vor, mit seiner Beteiligung mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen zu legitimieren: „Kleinere Unternehmen sehen ein solches Projekt dadurch gerechtfertigt: Ist der Name Siemens Energy dabei, dann kann es ja nicht schlimm sein.“

Mozambique LNG: „Präzedenzfall“ für Investoren

Total Energies bestreitet die Vorwürfe beider Klagen. Man habe die eigenen Mitarbeiter und Zulieferer damals evakuiert und begrüße die richterliche Untersuchung, heißt es auf der Webseite. Der Konzern engagiere sich in zahlreichen sozialen und ökologischen Projekten für die Menschen vor Ort. Ein 200-Millionen-Dollar-Fonds soll sozioökonomische Entwicklung in Cabo Delgado fördern. CEO Pouyanné verspricht „nachhaltige ökonomische Vorteile für die Menschen in Mosambik“. Über den Fiskus könnte dieser „Vorteil“ jedoch weniger gehen: Das niederländische Recherchehaus Somo will nachgewiesen haben, dass Total Energies wie auch Mitbewerber Eni ein Steuerschlupfloch genutzt haben sollen. Mithilfe von Briefkastenfirmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten habe das Unternehmen den Quellensteuersatz von 20 Prozent auf null drücken können. Nicht illegal – fragwürdig aber, wenn man sich auf die Fahnen schreibt, die Entwicklung eines Landes zu fördern.

Deutlich leiser, hinter verschlossenen Türen, äußern auch deutsche Investoren ihre Kritik an dem Projekt gegenüber Total Energies. Das Unternehmen ist in den allermeisten sogenannten „hellgrünen“ nachhaltigen Fonds enthalten. Zwei Ausnahmen gibt es: Die Fondsgesellschaft Union Investment hatte im Juli vergangenen Jahres bekannt gegeben, Total Energies aus ihren Nachhaltigkeitsfonds ausgeschlossen zu haben. Grund dafür sind die mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen bei dem LNG-Projekt, aber auch bei dem Bau einer gigantisch langen Ölpipeline durch Uganda, an der Total Energies die Mehrheit hält.

Es ist ein Muster des Unternehmens: Laut einer Analyse der Umweltorganisation Urgewald plant Total Energies unter den sechs größten börsennotierten Öl- und Gaskonzernen die zweitgrößte Erschließung neuer Förderfelder. Der Konzern expandiert global in mehr Länder als jeder andere Öl- und Gaskonzern, zudem investiert er auch am häufigsten in Staaten, in denen autoritäre Regime oder Regime mit schwachem Rechtsstaat an der Macht sind. Für Sonja Meister ist das eine „Hochrisikostrategie“, die auch geopolitisch äußerst riskant sei.

Die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka hat den Konzern schon länger aus nachhaltigen Fonds entfernt. Für Cornelia Zimmermann aus dem ESG-Team der Deka ist Mozambique LNG ein „Präzedenzfall“, da hier die sozialen Missstände stärker im Fokus stünden als die ökologischen. Ein Konzern wie Total Energies, der mit dem mosambikanischen Militär zusammenarbeite, trage eine indirekte Mitverantwortung für die Sicherheitslage in der Region. „Wenn sie diese Menschenrechtslage im Umfeld ihrer Projekte nicht in den Griff bekommen, dann sollten sie sich daraus zurückziehen“, sagt Zimmermann. Letztlich, so vermutet sie, werde aber eine andere Variable über die Zukunft des Projekts entscheiden. „Durch Verzögerungen und verstärkte Sicherheitsmaßnahmen erhöhen sich die Kosten. Das nagt auch an der Rentabilität.“ Bei der kommenden Hauptversammlung von Total Energies am 29. Mai werde die Deka das Projekt erneut kritisieren.

Ein Faktor dürfte noch entscheidender sein: der Gaspreis. Laut dem Ölkonzern Shell wird sich der Bedarf bis 2040 mindestens um 50 Prozent auf bis zu 700 Millionen Tonnen pro Jahr erhöhen, wobei vorwiegend Asien und der KI-Boom die Nachfrage treiben werden. Bis vor dem Irankrieg waren Analysten jedoch von einem Überangebot an LNG ausgegangen, auch weil die USA ihre Kapazitäten massiv ausbauten. Doch der Krieg verengt das Angebot und treibt die Nachfrage, in Asien ist der Preis seitdem um 60 Prozent gestiegen. „Gasprojekte außerhalb der großen Förderländer werden jetzt strategisch attraktiver“, sagt Peter Bofin von ACLED.

Doch Mosambik selbst, warnt er, könnte durch den Ölpreisschock in eine Rezession kippen. Schon vorher wurde das Wirtschaftswachstum in dem Land auf nur ein Prozent geschätzt. Und er warnt: Wenn nicht viel Geld in öffentliche Investitionen in der Provinz fließt, bestehe die Gefahr, dass sich durch das Mega-Gas-Projekt die Ungleichheiten noch stärker verfestigen – und sich damit die Sicherheitslage erneut verschlechtern könnte.