Aller au contenu principal
Pour une autre politique de développement!

In Nigeria gibt es 7,6 Millionen Babys – pro Jahr

Nigeria

9.4.2026

NZZ

Während der Rest der Welt schrumpft, wächst die Bevölkerung in Afrika stark – nützt oder schadet es dem Kontinent?

Daniel Rickenbacher

Überall auf der Welt gibt es immer weniger Kinder. Nur eine Weltregion stellt sich dieser Entwicklung entgegen. In Afrika erblickten 2025 mehr als 47 Millionen Kinder das Licht der Welt, fast achtmal so viele wie in ganz Europa mit etwa 6,2 Millionen Kindern. Obwohl nur knapp jeder fünfte Erdenbewohner Afrikaner ist, wird bereits mehr als jedes dritte Kind dort geboren. Nach Uno-Prognosen dürften 2050 etwa 2,5 Milliarden Menschen in Afrika leben, mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung. Im Jahr 1900 waren es noch 140 Millionen.

Die Dimensionen dieses Bevölkerungsbooms kann man vermutlich nur ganz erfassen, wenn man sie in Beziehung zu anderen Grössen setzt. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas, Nigeria, zählt heute über 230 Millionen Einwohner. 2025 kamen laut Uno-Daten allein hier 7,6 Millionen Kinder zur Welt. Das waren mehr Geburten als in der EU und den USA zusammen, wo es je 3,7 Millionen gab.

Niger und Somalia führend

Der Grund: Afrikanerinnen bringen viel mehr Kinder auf die Welt als Frauen anderswo. Gleichzeitig hat die Kindersterblichkeit massiv abgenommen, auch wenn sie im internationalen Vergleich noch hoch ist. In den fruchtbarsten Ländern Afrikas, Niger und Somalia, lag die Geburtenrate 2025 bei knapp 6 Kindern pro Frau. Nigeria lag mit 4,3 Kindern pro Frau leicht über dem afrikanischen Schnitt von 4 Kindern.

Die regionalen Unterschiede in Afrika sind gross. In den arabischsprachigen Ländern im Norden ist die Geburtenrate in den letzten Jahrzehnten auf 2,8 Kinder gesunken. Die höchsten Geburtenraten findet man in West- und Zentralafrika mit 5,4 beziehungsweise 4,2 Kindern. Am wenigsten Kinder werden im südlichen Afrika geboren, wo die Geburtenrate bei 2,3 Kindern liegt.

Nicht nur zwischen den Regionen schwankt die Zahl der Kinder, sondern auch innerhalb der Länder. Die muslimischen Nigerianerinnen im Norden haben deutlich mehr Kinder als ihre christlichen Landsfrauen im Süden.

Derweil haben alle Kontinente ausser Afrika mittlerweile eine Geburtenrate von deutlich unter 2,1 Kindern pro Frau – jene Geburtenzahl, die eigentlich für die Stabilisierung der bestehenden Bevölkerung notwendig wäre: In Europa liegt die Geburtenrate bei 1,41 Kindern pro Frau, in Nordamerika bei 1,59, in Lateinamerika bei 1,78 und in Asien bei 1,87 – und die Tendenz ist überall klar sinkend.

Die tiefsten Geburtenraten findet man in Ostasien. Hier purzelt die Geburtenrate seit Jahren in Tiefen, die bisher für Gesellschaften ausserhalb von Kriegs- und Krisenzeiten unbekannt waren. 2024 brachte eine Südkoreanerin über ihre ganze fruchtbare Lebensspanne durchschnittlich 0,75 Kinder zur Welt, eine Chinesin 1 Kind.

Afrikanerinnen dagegen gebären durchschnittlich 4 Kinder – mehr als doppelt so viel wie die Frauen im Rest der Welt und viermal so viel wie die Gruppe mit der tiefsten Geburtenrate, die Frauen in Ostasien. Nur dank den Afrikanerinnen liegt die weltweite Geburtenrate mit 2,3 Kindern pro Frau überhaupt noch knapp über der Stabilisierungszahl von 2,1 Kindern. Gäbe es die Frauen in Afrika nicht, würde die Weltbevölkerung schon bald schrumpfen.

Die dramatischen Folgen des Auseinanderdriftens der Geburtenraten lassen sich erst über mehrere Generationen erkennen, wie ein Gedankenexperiment zeigt. Stellen wir uns eine Gruppe von 50 jungen Chinesinnen und 50 Chinesen in einer Turnhalle vor. Bei der gegenwärtigen Geburtenrate von einem Kind pro Frau hat die Gruppe am Ende ihrer fruchtbaren Lebensspanne 50 Kinder.

Die zweite Generation wiederum bringt 25 Kinder zur Welt, sofern die Geburtenrate gleich bleibt. 100 Grosseltern stehen also 25 Enkelkindern gegenüber. Verlassen alle Vorfahren den Raum, sind nach fünf Generationen nur noch 6 Chinesen in der Turnhalle übrig. Der Bevölkerungsschwund ist zuerst langsam und dann plötzlich sehr schnell. Hat der Bevölkerungsrückgang einmal Fahrt gewonnen, lässt er sich kaum mehr stoppen.

Ganz anders sieht das Experiment bei den 50 Nigerianerinnen und 50 Nigerianern aus, die sich in einer Turnhalle versammelt haben. Nach einer Generation zählt man mehr als 200 Kinder, nach zwei Generationen mehr als 450 Enkel. Die Generationengrösse hat sich vervielfacht. Längst musste eine weitere Turnhalle gebaut werden.

Der afrikanische Sonderfall

Auch in Afrika fällt die Geburtenrate. In Nigeria beispielsweise sank sie zwischen 2000 und 2025 von 6 auf 4,3. Ein Grund dafür ist die Urbanisierung. Immer mehr Afrikaner zieht es in die Stadt. Dort sind die Geburtenraten tiefer als auf dem Land. In der grössten Stadt Nigerias, Lagos, liegt sie mit zirka 3,3 deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Dennoch: Der Geburtenrückgang verläuft in Afrika sehr viel langsamer als in anderen Weltgegenden, begann später und vor allem von viel höherem Niveau. Warum das so ist, beschäftigt Wissenschafter schon lange.

Einige Forscher sprechen von einem afrikanischen Spezialfall. Einer von ihnen ist John Casterline, emeritierter Professor für Bevölkerungsstudien an der Universität Ohio und einer der meistzitierten Demografen. Im Gespräch sagt er, er rechne nicht damit, dass das Geburtenniveau in Afrika auf absehbare Zeit europäische Werte erreichen werde: «Was Afrika und insbesondere Westafrika von anderen Kontinenten unterscheidet, sind soziale und kulturelle Faktoren.» Erweiterte Familienverbände und eine Kultur des Kinderreichtums seien noch die Norm. Man habe viele Kinder, um sich gegen den Tod von ein oder zwei Kindern abzusichern.

Während in Asien die Geburtenrate gesunken sei, weil Frauen die Zahl ihrer ungewollten Schwangerschaften reduziert hätten, sei dies in Afrika unrealistisch. Umfragen zeigten, dass der Kinderreichtum gewollt sei. Zwar besuchen auch Frauen in Afrika immer länger die Schule. Aus Studien ist bekannt, dass höhere Bildung meist mit geringerer Kinderzahl einhergeht. Der österreichische Demograf Wolfgang Lutz argumentiert daher, dass in Ländern mit rasch steigendem Bildungsniveau – etwa Nigeria – die Geburtenrate pro Frau schneller sinken könnte als derzeit erwartet. Casterline hingegen bezweifelt, dass die afrikanischen Volkswirtschaften schnell genug Jobs für immer mehr Absolventinnen schaffen können.

Das rasante Wachstum Afrikas dürfte deshalb noch einige Jahrzehnte anhalten. Die Vereinten Nationen schätzen, dass schon in 25 Jahren ungefähr 400 Millionen Menschen in Nigeria leben werden. Es wäre dann das drittbevölkerungsreichste Land der Welt nach Indien und China.

Das Gegenbild ist China. Heute zählt die Grossmacht 1,4 Milliarden Einwohner, bis 2050 dürfte die Zahl um mehr als 100 Millionen sinken. Sofern kein Gegenmittel gegen die Geburtenkrise gefunden wird, könnte sich die Bevölkerung bis Ende des Jahrhunderts halbieren oder nach pessimistischen Szenarien gar unter 500 Millionen Menschen fallen.

Afrika tritt derweil immer selbstbewusster auf. So verlangt die Afrikanische Union einen permanenten Sitz im Uno-Sicherheitsrat. Edward Paice vom Africa Research Institute in London sagt: «Zahlen allein garantieren noch keinen Platz am Tisch der Grossen.» Aber die afrikanischen Länder würden in der multipolaren Weltordnung an politischem Gewicht gewinnen.

Auch in Afrika gibt es Kritik am hohen Bevölkerungswachstum. Der nigerianische Politikwissenschafter Jibrin Ibrahim stellte 2021 bereits den verbreiteten Spruch «Nigerias Bevölkerung(szahl) ist eine Stärke» infrage. Er gelte nur unter bestimmten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen. Sonst drohe die Verarmung.

Folgen für die Geopolitik

Asien hat einst bei seinem Aufstieg von der sogenannten «demografischen Dividende» profitiert. Mit dem Begriff beschreiben Wissenschafter das rasante Wirtschaftswachstum, das entstehen kann, wenn eine grosse, gut ausgebildete Jugend in den Arbeitsmarkt drängt. Auch einige afrikanische Länder – etwa Côte d’Ivoire – verzeichneten zuletzt beeindruckende Wachstumsraten.

Dennoch sagt Paice, die Voraussetzungen für eine «demografische Dividende» seien in Afrika nicht gegeben. Die Qualität der Bildung sei noch zu tief, und nur ein Bruchteil der Jungen finde Jobs mit regelmässigem Einkommen. Die Gründe dafür sieht er in der fehlenden Industrialisierung und zu geringen Investitionen in die Landwirtschaft.

Es gebe aber auch Beispiele, bei denen die boomende Bevölkerungszahl Afrikas schon heute Auswirkungen habe. Das Christentum zum Beispiel werde zunehmend von Afrikanern dominiert.