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Pour une autre politique de développement!

Berichten Medien zu wenig über die Hungerkrisen in Afrika?

11.2.26  Deutsche Welle

Martina Schwikowski

Die Hungerkrisen in Afrika finden medial und politisch nicht genug Beachtung, kritisieren Experten. Es fehle der Wille. Berichte könnten das öffentliche Bewusstsein schärfen und politische Entscheidungen in Gang setzen.

Amina Suleman flüchtete mit ihrer Familie vor Angriffen dschihadistischer Gruppen aus ihrem Dorf Tangille in Maradun, einem Ort im Bundesstaat Zamfara im Nordwesten Nigerias. "Sie haben viele von uns getötet, unser Eigentum und unsere Tiere geplündert, alles verbrannt, auch unsere Lebensmittel", sagt sie zur DW.

Die Überfälle geschahen vor sieben Jahren - doch die Sicherheitslage hat sich bis heute nicht verbessert: Regierungstruppen kämpfen gegen dschihadistische Milizen und Banditen, um Entführungen und Erpressungen von Dorfbewohnern niederzuschlagen.

Betteln, um zu überleben

Suleman lebt mit ihren sieben Kindern in einem verlassenen Gebäude in der Nähe von Sokoto. "Die Kinder müssen betteln, bevor wir etwas zu essen bekommen. Wir haben keine andere Nahrungsquelle als das Betteln. Wenn sie ein wenig Geld bekommen, kaufen wir damit Garri (Brei aus Maniok, Anm.d.R.)", sagt sie.

Früher aßen sie, was sie wollten, bewirtschafteten ihren Acker. Jetzt reicht es höchstens noch für eine Mahlzeit am Tag. "Gestern bin ich mit leerem Magen eingeschlafen, weil es nichts zu essen gab." Ihr Mann ist arbeitslos, Hilfe gibt es nicht. "Meine Hoffnung ist, dass meine Kinder zur Schule gehen können und wir finanzielle Unterstützung erhalten, ein Zuhause bekommen."

Ein ähnliches Schicksal erlitt auch die 37-jährige Jamila Shehu. Sie stammt aus dem gleichen Dorf wie Amina Suleman und verlor ihren Besitz durch die Überfälle von Banditen. Ihre Familie überlebte bisher durch das Betteln ihrer sechs Kinder. "Wenn sie etwas für uns bekommen, essen wir, und wenn nicht, bleibt unser Magen einfach leer", sagt Shehu zur DW.

Warum sich die Hungerkrise in Nigeria verschärft

Schätzungsweise 318 Millionen Menschen weltweit leiden an akutem Hunger, ein Großteil davon lebt in Afrika. Das geht aus dem Global Outlook 2026 des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) hervor. Besonders betroffen sind aktuell der Gazastreifen und Teile des Sudan - es sei das erste Mal in diesem Jahrhundert, dass zwei große Hungersnöte in zwei Ländern der Welt gleichzeitig stattfinden, so das WFP.

Medien "blenden das Thema Hunger aus"

Doch viele Hungerkrisen bleiben der breiten Weltöffentlichkeit verborgen. Der Grund: die mangelnde Berichterstattung. Der Wissenschaftler Ladislaus Lubescher bezeichnet den globalen Hunger in seinem 2025 veröffentlichtem Buch als "das größte lösbare Problem der Welt" - in Anlehnung an die Aussage des WFP. Er kritisiert eine dramatische Vernachlässigung des Themas, politisch wie medial.

"Es sterben mehr Menschen an den Folgen von Hunger als an Tuberkulose, Aids und Malaria zusammengerechnet", sagt Lubescher zur DW. "Etwa alle 13 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger. Es handelt sich um ein großes Problem, das aber gelöst werden könnte, wenn ausreichend Mittel bereitgestellt werden würden." 

In seiner Untersuchung wertete Lubescher 39 deutschsprachige Medien und Leitmedien aus, darunter über 8.000 Ausgaben von Nachrichtensendungen, circa 500 Episoden von politischen Talkshows und mehr als 1.000 Ausgaben von Printmedien mit etwa 37.000 Druckseiten. 

Sein Fazit: Die Lösung des globalen Hungerproblems sei eine Frage des politischen Willens. Das Thema werde von Medien allerdings weitgehend ausgeblendet.

Mehr Sport als Berichte über den globalen Süden 

"85 Prozent der Menschen leben in den Ländern des globalen Südens", so Lubescher. "Aber in den wichtigsten Nachrichtensendungen entfallen nur etwa zehn Prozent der Beiträge auf diese, in den meisten Printmedien sind es nur fünf Prozent." In der deutschen Tagesschau sei in der ersten Jahreshälfte 2022 dem Sport mehr Sendezeit eingeräumt worden als allen Ländern des globalen Südens zusammen. Neben den häufig "schlechten" Nachrichten sind "soft news" mit hohem Unterhaltungswert und Identifikationspotential (wie etwa beim Sport) willkommene Elemente einer Nachrichtenredaktion. Sie liefern einem Millionenpublikum eine Ausflucht in eine einfachere, leicht zugänglichere Welt - einer Welt, die dann eben nicht nur aus Krisen besteht.

Ein weiteres Beispiel: Laut Lubeschers Recherchen war die Berichterstattung in der Schweizer Tagesschau über die Ohrfeige, die der Schauspieler Will Smith bei der Oscar-Verleihung Chris Rock gegeben hatte, etwa doppelt so umfangreich wie über den Bürgerkrieg in der nordäthiopischen Region Tigray. "In dem Krieg sind über 120.000 Frauen vergewaltigt worden und er gilt mit circa 600.000 zivilen Toten als tödlichster Krieg des 21. Jahrhunderts. Dabei haben die meisten Menschen in Europa wahrscheinlich noch nicht einmal ein Wort über diesen Krieg gehört", kritisiert der Wissenschaftler.

Die "stille Krise" in Malawi

Zu den vergessenen Krisen gehört auch das südafrikanische Malawi. Das von Armut betroffene Land steht regelmäßig auf der Top-10-Liste des CARE-Krisenreports, auch in der aktuellen Ausgabe. "Malawi erlebt aufgrund langer Dürreperioden, unvorhersehbarer Regenfälle und wirtschaftlicher Belastungen eine der schwersten Hungerkrisen der letzten Jahre", sagt Pamela Kuwali, CARE-Länderdirektorin für Malawi, gegenüber der DW. "Millionen von Familien haben einfach nicht genug zu essen. Bis März werden etwa vier Millionen Menschen mit schwerem Hunger zu kämpfen haben."

Die Regierung habe im vergangenen Jahr aus gutem Grund den Katastrophenzustand ausgerufen. Doch nur wenige Menschen sprechen laut Kuwali über diese Krise - sie finde statt, aber still und leise. "Wenn die Medien nicht über eine Krise berichten, wird sie unsichtbar und es wird schwieriger, Spenden zu sammeln, Unterstützung zu mobilisieren und die politische Aufmerksamkeit zu erregen, die zu echten Lösungen führt. Ohne Geschichten, ohne Bilder, ohne Schlagzeilen spürt die Welt einfach nicht die Dringlichkeit", so Pamela Kuwali. "Aber Aufmerksamkeit allein reicht nicht aus. Der Hunger hört nicht auf, nur weil eine Geschichte erzählt wird."

Die Medien könnten das öffentliche Bewusstsein für das Thema Welthunger schärfen, politische Entscheidungsprozesse in Gang setzen und dadurch entscheidend an der Lösung des Problems mitwirken, sagt Ladislaus Lubescher. Seine Kritik: "Dieser journalistischen wie menschlichen Aufgabe kommen sie bisher, mit wenigen Ausnahmen, nicht nach."

Am Diskurs in öffentlichen Debatten hätte die Themenauswahl der Medien einen entscheidenden Anteil. "Politik und Medien stehen in einem gewissen Wechselverhältnis. Medien berichten darüber, was Politiker tun und mit welchen Problemen sie sich beschäftigen. Umgekehrt schauen Politiker auch, welche Themen in den Medien eine große Rolle spielen und greifen diese Themen entsprechend auf." 

Geld für Waffen, aber nicht für Essen

Finanziell wären laut Lubescher nur vergleichsweise geringe Mittel notwendig, um das Problem zu lösen - zwischen 10 und 50 Milliarden US-Dollar pro Jahr zusätzlich, rechnet er vor. Die zur Hungerbekämpfung aufgebrachten Gelder seien allerdings minimal - etwa im Vergleich zu den weltweiten Rüstungsausgaben.

Gut 2,7 Billionen US-Dollar lautet der neue Spitzenwert bei den weltweiten Militärausgaben im Jahr 2024. So lautet das Ergebnis des schwedischen Forschungsinstituts SIPRI. Ein Anstieg um 9,4 Prozent gegenüber 2023. Die USA sowie auch Deutschland haben bereits weitere Erhöhungen von Rüstungsausgaben angekündigt.

Der globale Norden sei mit sich beschäftigt, so Lubescher: "Der Westen propagiert gerne, für Menschenrechte und Humanität einzustehen. Durch ein Hunger-Sondervermögen - zum Beispiel 100 Milliarden Euro - würden wir uns wieder mehr Glaubwürdigkeit verschaffen."

Mitarbeit: Jamiu Abiodun Sulaiman, Nigeria