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Pour une autre politique de développement!

Putsche in Afrika

Afrika

 9.12.25 NZZ

Die Europäer verlieren an Macht und Einfluss

Daniel Rickenbacher

Am Sonntag hat sich im westafrikanischen Land Benin ein Putschversuch ereignet. Er gliedert sich in eine ganze Reihe von Putschen ein. Etwa acht davon waren je nach Zählung seit 2020 allein in Westafrika erfolgreich. Der Westen kann die Instabilität in diesen Ländern nicht ignorieren. Dafür liegt die Region zu nah und ist zu wichtig: Von hier führen Flüchtlingsrouten nach Europa, und es ist der Ort von Ressourcen wie Uran.

Die von Nigeria dominierte Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas griff am Sonntag rasch ein und schützte die zivile Regierung in Benin. Diese Organisation ist derzeit am ehesten in der Lage, Westafrika auf einen prowestlichen Kurs zurückzubringen. Doch die Ecowas steckt in einer politischen Krise. Sie sollte deshalb vom Westen jene militärische und wirtschaftliche Unterstützung erhalten, die sie braucht. Aber die westlichen Staaten dürfen ihre Gestaltungskraft nicht überschätzen. Sie sind in Westafrika wie anderswo in Afrika nur ein Akteur unter vielen und müssen sich auf konkrete Ziele und Interessen fokussieren, wie die Zusammenarbeit in der Migrationspolitik und die Bekämpfung des Jihadismus.

Von der Instabilität in Westafrika haben bislang nämlich vor allem der Al-Kaida-Ableger JNIM und der Islamische Staat in der Sahel-Region profitiert, die ihr Territorium beständig ausbauen. Auch die Putschisten in Benin begründeten ihren Coup mit dem Scheitern der Regierungstruppen im Kampf gegen die aufständischen Islamisten im Norden des Landes. Doch die westafrikanischen Putschisten haben bislang kein Rezept gegen die Jihadisten gefunden, im Gegenteil: Das von ihnen angeheuerte russische Afrikakorps, das die Franzosen aus ihrer traditionellen Einflusszone verdrängt hat, erwies sich bisher als militärisch untauglich. Europa müsste die Existenz von riesigen Territorien unter jihadistischer Kontrolle in unmittelbarer Nähe grosse Sorge bereiten. Die Erfahrung mit dem Islamischen Staat und den Taliban hat gezeigt, dass von solchen Territorien aus auch Anschläge im Ausland vorbereitet werden.

Ähnlich besorgniserregend ist, dass in das politische Machtvakuum in Westafrika zunehmend antagonistische Kräfte vordringen. Die Putschstaaten Mali, Niger und Burkina Faso, die sich 2023 zur Allianz der Sahelstaaten zusammengeschlossen haben, sind antiwestlich eingestellt und nehmen die Militärdienstleistungen von Russland und anderen Mächten in Anspruch. Westafrika ist nur eine geopolitische Kampfzone im neuen Wettlauf um Afrika, in der Gross- und Mittelmächte um Einfluss und Ressourcen ringen.

Bei der Unterstützung von Nigeria und der Ecowas darf man jedoch über die massiven Probleme dieser Länder nicht hinwegsehen. Im Norden Nigerias gilt beispielsweise die Scharia, Milizen säubern ganze Landstriche von der christlichen Bevölkerung, und das Militär scheiterte bisher daran, die Jihadisten von Boko Haram und des IS zu besiegen. Das Land ist derzeit nur beschränkt in der Lage, die regionale Führungsrolle zu übernehmen, für die es eigentlich prädestiniert ist und die auch wünschenswert wäre.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Zum einen sind die USA verstärkt wieder in diesem Raum aktiv. Europa muss gezielt die Zusammenarbeit suchen und kann die Chance nutzen, um die Entfremdung zwischen Amerikanern und Europäern zu überbrücken. Noch wichtiger scheint aber, dass auch breite Bevölkerungsschichten in Afrika die eigenen Probleme erkennen und Unterstützung verlangen. Europa sollte deshalb nicht als Entwicklungshelfer von oben herab auftreten, sondern als Partner auf Augenhöhe. Das erhöht die Chancen, dass Europas Partner einen stabilisierenden Einfluss auf Westafrika ausüben können.