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Ist die Afrikapolitik Russlands gescheitert?

Russland

19.5.2026  Achgut.com

Ist die Afrikapolitik Russlands gescheitert?

Leserbrief

Von Volker Seitz

Ich halte die Spekulationen deutscher Medien, dass Russland wegen der Niederlage in Mali und wegen der Ukrainekrise bald aus Afrika abzieht, für eine Wunschvorstellung. Die Russen sind in den Sicherheitsapparaten dieser Staaten verankert und werden den Einfluss freiwillig nicht aus der Hand geben.

Das russische „Afrikakorps“ (Nachfolgestruktur der Wagner-Gruppe und formell  Ausbilder und Söldner) ist in Mali in die militärische Defensive geraten, nachdem die eigentlich verfeindeten Tuareg-Separatisten (FLA), die einen eigenen Staat „Azawad“ im Norden fordern, und Dschihadisten des JNIM (einem Zweig des Terrornetzwerks von Al-Qaida) ein Zweckbündnis schlossen. Die Tuaregs haben im Norden Kidal und Gao attackiert und JNIM vor allem im Zentrum und im Süden die Hauptstadt Bamako angegriffen. Die Russen mussten nach einer Kapitulation gegen freien Abzug wertvolle Waffensysteme, z.B. Kampfdrohnen, Munitionsvorräte in Tessalit zurücklassen. Der ukrainische militärische Geheimdienst HUR hat die FLA im Rahmen seiner  offiziellen Afrika-Strategie unterstützt, um die Russen aus der Region zu vertreiben. Nach französischen Recherchen handelt es sich  um Ukrainer, die als ehemalige Angehörige der französischen Fremdenlegion den Sahel gut kennen und Französisch sprechen.

Der Schwerpunkt der verbliebenen etwa 2500 russischen Soldaten liegt nun in der Sicherung der malischen Militärjunta, sowie strategischer Infrastruktur wie des Hauptstadtflughafens und in der Verteidigung von Bamako. Junta-Chef Assimi Goita hatte nach der Schwächung der Russen  Kontakt mit der türkischen privaten Sicherheitsfirma SADAT aufgenommen, die bereits zum Schutz der Führung die malische Präsidentschaftsgarde ausgebildet und türkische hochmoderne Waffensysteme geliefert hat, um die noch bestehende Luftüberlegenheit der Junta zu retten. Die Türkei positioniert sich zunehmend als Rüstungs- und Schutzpartner (Lieferung von Kampfdrohnen und Ausbildung von Eliteeinheiten).

Die Dschihadisten versuchen, die Hauptstadt auszuhungern. Hauptverkehrswege aus dem Senegal und der Côte d’Ivoire sind blockiert. Da Kraftstoff fehlt, sind das Verkehrs- und Stromnetz zusammengebrochen. Grundnahrungsmittel sind knapp. Wegen der akuten Bedrohung und des erwarteten Sturzes der Regierung wurden Staatsbürger der USA, Frankreichs und Großbritanniens  von ihren Botschaften zu sofortiger Ausreise aufgefordert. Die deutsche Botschaft ist weiterhin geöffnet.

Deutsche Entwicklungshelfer sind offenbar immer noch im Lande, wenn auch mit "strengen Sicherheitsauflagen“. Die aktuelle Lage in Bamako, in der deutsche Helfer aus Schutzräumen herausarbeiten sollen, ist ein Paradebeispiel für die Fehlentwicklungen und die Realitätsferne der deutschen Helferindustrie.

Verliert das Afrikakorps überall seinen Einfluss?

Das Afrikakorps wurde von der russischen Regierung zur Sicherung von Regimen und zum Abbau von Rohstoffen entsandt. Das Versprechen, die dschihadistische Bedrohung in der Sahelzone zu besiegen und die Sicherheitslage zu verbessern, konnte nicht überall gehalten werden. In der Zentralafrikanischen Republik wird die Regierung derzeit erfolgreich vor Rebellen geschützt. Bezahlt wird der militärische Schutz  mit Schürfrechten für Gold und Diamanten, sowie dem Export von Tropenholz. Russen befehligen die zentralafrikanische Polizei und die Streitkräfte.

Um Machtsicherung geht es auch in Burkina Faso, Niger und Äquatorialguinea

In Burkina Faso trainieren sie die Militärs und übernehmen den Personenschutz der wichtigsten Regierungsmitglieder. Geliefert werden Waffen und militärische Ausrüstung, um die Junta gegen islamischen Terror zu unterstützen. Als Gegenleistung erhalten russische Firmen Zugang zu Ressourcen des Landes wie Goldbergbau und den noch unerschlossenen Vorkommen wie Kupfer, Mangan, Phosphaten und Zink.

Auch im Niger baut Russland seinen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss aus  Die frühere Luftwaffenbasis der USA (nahe der Hauptstadt Niamey) ist jetzt ein russischer Stützpunkt. Die Kooperation der Militärs im Niger und Russland konzentriert sich auf den Energiesektor. Im Zentrum der wirtschaftlichen Interessen steht der Uranabbau. Es gibt auch eine Absichtserklärung für Investitionen für eine zivile Nutzung von Atomkraft, Bau von Atomkraftwerken und die Nuklearmedizin.

In der früher spanischen Kolonie Äquatorialguinea sind etwa 200 Soldaten und Ausbilder zum Schutz des seit 1979 regierenden Diktators Teodoro Obiang und seiner Familie stationiert. Da das Land zu den ölreichsten Staaten Afrikas gehört, wird vermutet, dass ein Teil der Rechnung  über Ölrechte, Schürfrechte für Minen und Nutzungsrechte für Häfen der russischen Marine abgegolten werden.

Warum brauchen die Regime ausländischen Schutz?

Seit der Unabhängigkeit und dem Ende der Kolonialzeit in den 1960er Jahren gab es in Afrika etwa 220 versuchte und mindestens 106 erfolgreiche Staatsstreiche  gegen die jeweiligen Regierungen. Die Putsche der jüngeren Geschichte konzentrieren sich auf West- und Zentralafrika. Meist in ehemaligen französischen Kolonien. Keine Staatsstreiche gab es in Botswana, Malawi, Mauritius, Sambia, Südafrika, und Tansania. Möglicherweise liegt das daran, dass  Frankreich – anders als Großbritannien – nach der Kolonialzeit über Jahrzehnte formelle und  informelle Netzwerke in den Ex-Kolonien aufrechterhielt. (Vgl. Achse 22.11.24 „Frankreichs Afrika Geldbote packt aus“)

Frankreich übernahm durch bilaterale Verteidigungsabkommen und direkte Militäroperationen den Schutz der Machthaber. In den 1990er Jahren wurden oft auch private Unternehmen wie die südafrikanische Executive Outcomes  (z.B. in Sierra Leone und Angola) angeheuert. Marokko und Israel übernehmen oft den Personenschutz und die Palastabsicherung von Autokraten. In Kamerun gibt es das Bataillon d’Intervention Rapide (BIR), das dem Langzeitherrscher Paul Biya das Überleben sichert. Es wird von israelischen Sicherheitsberatern kommandiert.

Wenn Russland den Regimen im Sahel Schutz gegen Rohstoffe anbietet,  dann ist das für Autokraten eine Lebensversicherung. Wegen extrem schwacher staatlicher Institutionen und permanenter Putschgefahr durch die eigenen, unzuverlässigen Armeen besitzen autokratische Regime ein dauerhaftes Bedürfnis nach externem Schutz. 

Ich halte die Spekulationen deutscher Medien, dass Russland wegen der Niederlage in Mali  und wegen der Ukrainekrise bald aus Afrika abzieht, für eine Wunschvorstellung. Die Russen sind in den Sicherheitsapparaten dieser Staaten verankert und werden den Einfluss freiwillig nicht aus der Hand geben. Im Gegensatz zu westlichen Militäreinsätzen, die Milliarden kosteten, trägt sich das Afrikakorps – durch den Zugang z.B.  zu Gold-, Diamanten- und Uranminen – von selbst. Und nicht zu vergessen: In den großen Städten wie Bamako, Ouagadougou und Niamey werden nach der als neokolonial empfundenen Präsenz Frankreichs die Russen als „Befreier" gefeiert. Das könnte sich jedoch ändern, wenn Russland nicht mehr mit Frankreich verglichen, sondern an den eigenen Taten (Ausbeutung der Ressourcen) gemessen wird.

Volker Seitz war Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert"