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Ein bissiger Papst Leo XIV. spricht auf seiner Afrika-Reise über «Despoten und Tyrannen» 

Afrika

23.4.2026   NZZ

Skeptiker befürchteten, der Papst werde auf seiner ersten Reise in die Region von Diktatoren für Propaganda missbraucht. Leo XIV. prangerte sie stattdessen an.

Samuel Misteli, Nairobi

Am letzten ganzen Tag seiner ersten Afrika-Reise schlug Papst Leo XIV. im Kleinstaat Äquatorialguinea nochmals den Ton an, der die Reise geprägt hatte: christliche Kernbotschaften, vermengt mit politischen Klängen, die die anwesenden Mächtigen als an sie gerichtet verstehen mussten.

Leo rief am Mittwoch dazu auf, «dem Gemeinwohl zu dienen statt Privatinteressen, den Graben zwischen Privilegierten und Benachteiligten zu schliessen».

Die Privilegierten sassen gleich vor dem Papst in der Basilika im Ort Mongomo: Teodoro Obiang, Präsident und Diktator, der Äquatorialguinea seit 1979 regiert und länger im Amt ist als jeder andere Regierungschef der Welt. Neben ihm sein Sohn und designierter Nachfolger Teodorín, in Frankreich einst wegen der Veruntreuung von Dutzenden Millionen Euro verurteilt, die eigentlich der Bevölkerung von Äquatorialguinea gehörten.

Die weniger Privilegierten standen draussen vor der Kirche; rund 100 000 Gläubige waren gekommen, um den Papst mindestens auf Bildschirmen zu sehen.

Papst Leo XIV. ist in den vergangenen elf Tagen durch vier afrikanische Länder gereist. Es war seine zweite Auslandreise seit Beginn seines Pontifikats im Mai 2025. Sie hat ihn nach Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea geführt – in eine Weltregion, die für die katholische Kirche immer bedeutender wird.

Mit der Afrika-Reise hat Leo XIV. sein Profil geschärft 

Streit mit der Regierung Trump

Die Reise dürfte aber nicht nur Afrikas Katholiken vergewissert haben, dass sie wichtig sind für den Vatikan, sondern auch die Wahrnehmung eines als zurückhaltend geltenden Papstes verändert haben. Leo sprach sich in Afrika gegen Korruption aus, gegen die Plünderung von Ressourcen und immer wieder gegen Krieg. Er sandte Botschaften, die etwa der 93-jährige Kleptokrat Paul Biya, der Kamerun beinahe so lange regiert wie Teodoro Obiang das Nachbarland Äquatorialguinea, als politisch verstehen musste. «Die Ketten der Korruption», sagte Leo bei einer Rede in der Anwesenheit von Biya, müssten zerschlagen werden.

Die Afrika-Reise von Leo wurde auch deshalb als stark politisch gefärbt gedeutet, weil der Papst vor der Abreise wegen des Iran-Kriegs in einen Konflikt mit der amerikanischen Regierung geraten war. Leo kritisierte Donald Trumps Drohung, die iranische Zivilisation «auszulöschen», gegenüber Journalisten als «wahrlich inakzeptabel». Worauf der amerikanische Präsident auf Social Media schrieb, der Papst sei «schwach bei der Verbrechensbekämpfung» und «katastrophal für die Aussenpolitik».

Reise zu den theologischen Wurzeln

Die Station, an der die wenigsten konfrontativen Töne fielen, war ausgerechnet das stark muslimische Algerien, wo Leo seine Reise begann. Der Vatikan begründete den ersten Besuch eines Papstes in dem nordafrikanischen Land damit, dass Leo zur Verständigung mit dem Islam beitragen wolle – was schon ein Ziel seiner ersten Auslandreise im November und Dezember 2025 in die Türkei und nach Libanon gewesen war.

In Algerien reiste Leo auch zu seinen eigenen theologischen Wurzeln. Er leitete eine Messe in der Küstenstadt Annaba, wo einst der heilige Augustinus im vierten und fünften Jahrhundert als Bischof gewirkt hatte. Leo XIV. ist der erste Papst aus dem Augustinerorden, er hatte diesen von 2001 bis 2013 geleitet.

Manche hofften, der Papst werde in Algerien auch die Unterdrückung der nur rund 10 000 Katholiken im Land sowie anderer christlicher Konfessionen und muslimischer Minderheiten zum Thema machen. Er tat dies nicht, sprach sich aber beim algerischen Präsidenten für eine «lebendige, dynamische und freie Zivilgesellschaft» aus.

In Kamerun, einem Land mit knapp 10 Millionen Katholiken, versuchte Leo dann ein Zeichen für den Frieden zu setzen. Er reiste in den anglofonen Teil des zentralafrikanischen Landes, wo Separatisten sich seit Jahrzehnten gegen die frankofon dominierte Zentralregierung auflehnen. Der wenig beachtete Konflikt hat Tausende von Menschenleben gekostet und Hunderttausende vertrieben. «Die Welt wird verwüstet von einer Handvoll Tyrannen», sagte Leo bei einer Messe in der Stadt Bamenda, einem zentralen Schauplatz des Konflikts.

Kritik an Despoten, die Wohlstand versprechen

In der nächsten Station Angola, wo etwa 20 Millionen Katholiken leben, prangerte Leo dann «Despoten und Tyrannen» an, die Ressourcen ausbeuteten und Wohlstand versprächen, aber nur Leiden und Tod brächten. Auch das verstanden viele als Botschaft an Angolas Elite. Das Land ist reich an Erdöl und Diamanten, trotzdem lebt ein Drittel der Bevölkerung in extremer Armut.

In Angola sprach der Papst zudem über die tragische Geschichte des Landes. Von der angolanischen Küste aus wurden zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert mehrere Millionen Menschen in die Sklaverei verschifft. Leo besuchte einen Schrein im Ort Muxima, wo viele Sklaven vor der Reise zwangsgetauft wurden.

In Äquatorialguinea setzte Leo dann nach der Messe, an der die Präsidentenfamilie teilgenommen hatte, ein letztes Zeichen. Er besuchte ein Gefängnis in der Küstenstadt Bata. Der Papst setzte damit eine Tradition seines Vorgängers Franziskus fort, der regelmässig Strafgefangene besucht hatte. Und er lenkte Aufmerksamkeit auf die Haftzustände in einem Land, dem die Uno und andere Organisationen regelmässig Folter und extralegale Tötungen vorwerfen.

Mehr Katholiken in Afrika als in Europa

Skeptiker in Afrika und ausserhalb hatten vor Leos Reise befürchtet, der Papst könnte von einigen der schlimmsten Autokraten des Kontinents zu Propagandazwecken eingespannt werden. Die Reden des Papstes während der Reise zerstreuten die Sorgen. Leo erinnerte streckenweise an seinen Vorgänger Franziskus, der auf manchmal wenig diplomatische Weise Ausbeutung und Korruption angeprangert hatte.

Unterwegs versuchte Leo den Zwist mit der Regierung Trump kleinzureden. Es sei nicht seine Absicht, eine Debatte mit der amerikanischen Regierung zu führen, sagte er auf dem Flug von Kamerun nach Angola. Zuvor hatten Medien Leos Aussage, die Welt werde von einer «Handvoll Tyrannen» verwüstet, als erneut gegen Trump gerichtet beschrieben.

Es dürfte nicht Leos letzte Afrika-Reise gewesen sein. Schon sein Vorgänger Franziskus hatte den Kontinent fünfmal besucht. Afrika ist die Weltregion, in der der katholische Glauben am schnellsten wächst. Knapp 300 Millionen Katholiken leben in Afrika, das ist ein Fünftel aller Katholiken weltweit. Seit kurzem zählt Afrika mehr Katholiken als Europa, nur in Lateinamerika leben mehr katholische Gläubige. Bis 2050 könnten bis zu einem Drittel aller Katholiken der Welt Afrikaner sein.