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For a different development policy!

«Armut ist kein Schicksal, sondern Folge falscher Politik»

12.2.2026

NZZ

Der Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode zieht eine ernüchternde Bilanz der deutschen Entwicklungshilfe

Herr Bode, deutsche Regierungen haben eine eigenwillige Entwicklungshilfe betrieben, unter anderem mit Millionen Euro für Velowege in Peru. Die derzeitige Ministerin Reem Alabali-Radovan (SPD) hat jetzt einen neuen Plan vorgestellt. Ist der besser?

Ich frage mich, wie die Ministerin einen Entwicklungshilfeplan vorlegen kann, ohne eine genaue Analyse, was bisher funktioniert hat und was schiefgelaufen ist. Diese notwendige Analyse liegt nicht vor.

Frau Alabali-Radovan wird die Prüfberichte des Ministeriums gelesen haben. Die Projekte werden evaluiert.

Aber das alles ist völlig intransparent. Eine winzige Anzahl der Projekte wird zwar evaluiert und ist öffentlich, die Evaluierungen basieren aber auf den Informationen der zuständigen Projektmitarbeiter. Es gibt keine unabhängige externe Kontrolle. Um sich ein Bild von der Wirkung der gesamten Hilfe zu machen, müssten alle Berichte öffentlich sein. Fehlanzeige! Vom Ministerium habe ich die Berichte der letzten vierzig Jahre für Tunesien in den Sektoren Trinkwasser/Bewässerung und Tourismus angefordert. Sie sind alle so geschwärzt, dass Schlussfolgerungen unmöglich sind. Offensichtlich ist jedoch, dass in Nordafrika und den Sahelländern südlich der Sahara die Entwicklungshilfe daran gescheitert ist, insbesondere ländliche Armut und Hunger zu besiegen. Die Zahl der Armen in den besonders betroffenen Regionen hat sich erhöht.

Sie waren elf Jahre selbst aktiv, das ist allerdings vierzig Jahre her. Kommt Ihre Kritik nicht zu spät?

Umsteuern kann man immer – wenn man will. Aus den Plänen der Ministerin lässt sich das nicht erkennen. Sie will die Hilfe stärker an deutschem Interesse ausrichten. Das muss aber scheitern, wenn man gleichzeitig die vornehmlich ländliche Armut überwinden will, die eine der wesentlichen Flüchtlingsursachen ist. Armut ist kein Schicksal, sondern Folge falscher Politik derer, die in den Empfängerländern an der Macht sind. Um effektiv zu helfen, muss man politische Veränderungen, etwa der Landbesitzverhältnisse, einfordern. Die Landwirte haben nicht genug gutes Land, um ertragreich wirtschaften zu können. Das bedeutet, die Empfängerländer müssen sich mit Grossgrundbesitzern und Feudalherrschern anlegen, die ihre Regierungen stützen. Dann ist es aber mit der Durchsetzung deutscher Interessen schnell vorbei. Ich habe zu meiner Zeit diesen Mechanismus nicht realisiert, genauso wie meine Kollegen und ich uns das Thema Korruption schöngeredet haben. Damals dachten wir: Die Entwicklungsländer sind arm, und wenn wir dorthin Geld für vernünftige Projekte geben und durch unsere Unterstützung dafür sorgen, dass mit diesen Projekten etwas Ordentliches entsteht, dann wird die Sache schon funktionieren. Im Rückblick ist diese Annahme einfältig gewesen. Die Realität ist komplizierter.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir Tunesien, dort war ich für Wasser- und Tourismusprojekte zuständig. Für meine Autobiografie bin ich noch einmal auf Spurensuche nach Tunesien gereist. In Zentraltunesien, einer wasserarmen Region, ist das Bohren von Tiefbrunnen strikt verboten. Dennoch bohren dort die reichen Familien Tiefbrunnen für Bewässerung. Schon zu meiner aktiven Zeit gingen 30 bis 40 Prozent des Wassers für Landwirtschaft und Trinkwasser durch Lecks in den maroden Leitungen und Verschwendung verloren. Ich konnte nicht erkennen, dass sich daran in den letzten vierzig Jahren viel geändert hat. Und das in einem Land, in dem Wasser zum Kostbarsten überhaupt gehört! Natürlich hat das mit Korruption zu tun, aber die Geber schauen weg. Gleichzeitig verhindert die EU den zollfreien Import qualitativ hochwertigen Olivenöls. Dies wiederum schadet der Olivenwirtschaft, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Meine Spurensuche hat mich tief erschüttert. Die ländliche Armut haben wir nicht ansatzweise beseitigt, sondern eher verschärft und dazu noch ökologische Schäden verursacht.

Frau Alabali-Radovan will die Armutsmigration bekämpfen, sie will «Fluchtursachen beseitigen». Das klingt doch vernünftig.

Das sind Märchen aus 1001 Nacht! Ländliche Armut lässt sich durch Entwicklungshilfe nicht beheben – es sei denn, die Machtverhältnisse lassen dies zu. Unsere meistens korrupten und autoritären Partner sagen jedoch: Wenn ihr uns das Geld nicht gebt, dann lassen wir noch mehr Flüchtlingsboote nach Europa kommen. Eine solche Entwicklungshilfe macht uns erpressbar.

Bei allem, was trotzdem ankommt – nimmt man die deutsche Hilfe wahr, schlug Ihnen Dankbarkeit entgegen?

Unter uns Entwicklungshelfern gab es den Spruch: «Im Inland ein Würstchen, im Ausland ein Fürstchen.» Wir wurden von Ministern empfangen. Natürlich sind die Kollegen der Partnerbehörden zuvorkommend. Die Projekte sind eine Quelle der Korruption. Die Menschen auf dem Land sind höflich und gewinnend. In Wirklichkeit denken sie sich vermutlich: Schon wieder so ein Experte, was haben wir davon?

Lässt sich das vermeiden?

Es bringt nichts, sich auf einzelne Projekte zu konzentrieren. Entwicklungshilfe kann nur in Ländern erfolgreich sein, die sich ohnehin auf einem guten Weg befinden.

Interview: Elke Bodderas, Berlin