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«Europa muss sich auf einen neuen Flüchtlingsstrom vorbereiten»

Afrika

18.5.2026  NZZ

«Europa muss sich auf einen neuen Flüchtlingsstrom vorbereiten»

Die Sicherheitsexpertin Hager Ali sagt, die EU vergesse Nordafrika und den Sahel – das werde sich rächen

Die Zahl der irregulären Grenzübertritte in die EU ist zuletzt deutlich gesunken: Im ersten Quartal 2026 kamen etwa 40 Prozent weniger Migranten nach Europa als im Vorjahreszeitraum. In der vergangenen Woche warnte jedoch der griechische Migrationsminister Thanos Plevris davor, dass zurzeit 550 000 Migranten in Libyen darauf warteten, nach Europa überzusetzen.

Frau Ali, weniger irreguläre Grenzübertritte, allerdings entschieden mehr wartende Migranten in Libyen – wie passt das zusammen?

Ein Grund dafür ist sicherlich das Wetter, das die Reise von Libyen nach Kreta erleichtern kann. Die Insel ist knapp 300 Kilometer von Libyen entfernt und das Ziel vieler Migranten, die übers Mittelmeer nach Europa wollen. Hinzu kommt, dass sich die Situation im Nahen Osten, aber auch in Afrika verschärft hat. Es gibt gleich mehrere Krisenherde: den Krieg in Iran, den Krieg im Sudan und die Situation in Westafrika, wo es zum Beispiel in Mali wieder brodelt.

Das heisst, Konflikte in anderen Ländern führen zu einer steigenden Zahl von Migranten, die sich in Libyen auf ihre Weiterreise vorbereiten?

Ja. Manche warten auf den richtigen Moment. Andere hoffen, in Libyen Arbeit zu finden, um Geld für die Fahrt über das Mittelmeer zu verdienen. Wieder andere kommen jetzt in Libyen an, weil vor einigen Monaten ein Konflikt in ihrem Heimatland ausgebrochen ist. Da gibt es eine gewisse Verzögerung. Hinzu kommt die Willkür der Schmuggler in Libyen: Sie warten oft ab, bis sich eine Überfahrt für sie rentiert. Es gibt also unterschiedliche Gründe für die steigende Zahl von wartenden Migranten in Libyen.

Wie wichtig ist Libyen zurzeit als Transitland für Europa?

Libyen ist durch die Nähe zu Europa extrem wichtig, gerade weil die instabile Sicherheitslage illegale Migration erleichtert. Aus europäischer Sicht zählt Libyen zur südlichen Nachbarschaft, über die die EU versucht, ihre Grenzen zu externalisieren. Deshalb steht Migration aus Libyen auch viel stärker im Fokus als beispielsweise Migration aus dem Sudan, in dem sich gerade die grösste Vertreibungskrise unserer Zeit abspielt.

Wie sieht es denn in anderen nordafrikanischen Ländern aus?

Diese sind ähnlich wichtig für die Migration wie Libyen, auch für die Externalisierung der EU-Aussengrenze. Marokko bildet eine Art Flaschenhals für den Schmuggel in Richtung Spanien – ob es sich dabei um Drogen, Waffen oder um Menschen handelt. Hier geht es vor allem um das Eindämmen organisierter Kriminalität. Strategische Partnerschaften mit Ägypten werden oft mit Vereinbarungen gekoppelt, Migration einzudämmen, indem beispielsweise Flüchtlinge aus dem Sudan daran gehindert werden, weiter nach Europa zu reisen.

Warum funktionieren solche Vereinbarungen mit Ägypten besser als mit Libyen oder Marokko?

Ägypten investiert grundsätzlich viel, um seine Grenzen gegen den Schmuggel von Waffen, Drogen und Menschen abzusichern, da es an gleich drei Krisenherde grenzt. In Ländern wie Libyen oder im Süden von Algerien sind die Grenzen viel durchlässiger, weil es vor allem in der Wüste an staatlicher Kontrolle mangelt. In Libyen hat sich sogar eine Art Schattenwirtschaft gebildet mit dem Schmuggel von Drogen, Waffen und Menschen. Daran sind Milizen des libyschen Warlords Khalifa Haftar beteiligt, die sich auf diese Weise ein weiteres Einkommen sichern.

Die Europäische Union investiert zunehmend in Kooperationen mit Transitländern, um die illegale Migration frühzeitig zu stoppen. Führt diese Politik tatsächlich zu weniger Migration, oder verlagern sich die Risiken?

Die Risiken verlagern sich. Die Regierungen der nordafrikanischen Länder zum Beispiel wissen, dass die EU viel Geld investiert, um Migranten von illegalen Grenzübertritten abzuhalten. Das schafft falsche Anreize, mehr in Militär, Polizei, Paramilitär und Söldner zu investieren – zum Beispiel in Tunesien. Dort hat die EU ihr Interesse an der Förderung der Demokratie sehr stark an das tunesische Migrations­management gekoppelt. Die Dominanz der Sicherheitskräfte in der Innenpolitik wird mit der nationalen Sicherheitslage begründet, vor allem mit dem Kampf gegen Terrorismus oder gegen Migration. Damit förderte die EU aber einen autoritären Regierungsstil, bei dem Instabilität programmiert ist.

Und wie ist die Situation in Libyen?

Dort könnte die Lage zurzeit schnell kippen. Eigentlich hätten die Libyer in diesem Jahr einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament wählen sollen. Die Wahl wurde allerdings verschoben. Die Wahlvorbereitung hat nun kaum Priorität, sondern die Lage im Süden und nahe der Grenze zu Tunesien, wo wieder gekämpft wird. Die Flucht vor diesen Kämpfen zu kontrollieren, ist da immer lukrativ. Vor Beginn des Krieges im Sudan investierte die EU auch in die Kontrolle von Migration, wovon die paramilitärischen Rapid Support Forces profitierten. Heute sind diese verantwortlich für 14 Millionen Vertriebene. Zum Erfolg führt diese EU-Strategie also nicht.

Staaten wie Russland, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen in Libyen ihre eigenen strategischen Interessen. Wie wirkt sich das auf die Migration und die Grenzkontrolle aus?

Sehr viele Flüchtlinge kommen aus Westafrika. In vielen Ländern dieser Region kümmern sich Milizen oder Söldner um den Grenzschutz. Russland macht sich seit Jahren die dauernde Instabilität, Ressentiments gegen die Europäische Union und die grosse Nachfrage nach Söldnern zunutze. Die Regierungen in Mali, Niger und Burkina Faso wurden direkt von Moskau beraten und mit mehr als 5000 Söldnern versorgt. Auch in Libyen profitiert Russland von der Instabilität des Landes. Die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen etablierte Schmuggelrouten, um Embargos zu umgehen und Waffen in Länder zu liefern, in denen sie besondere Interessen verfolgen. Darüber hinaus profitieren sie vom Abbau von Rohstoffen wie Gold. Hier treffen sich die Interessen der Vereinigten Arabischen Emirate mit denen von Russland. Im Schmuggel von Gold und Waffen kooperieren die beiden Länder sogar. Der Türkei geht es vor allem darum, sich mit dem Vertrieb von Drohnen auf dem Rüstungsmarkt zu profilieren. Je undurchsichtiger eine Situation ist und je mehr Probleme eine Streitkraft bei der Kontrolle der eigenen Landesgrenzen hat, desto wichtiger werden Drohnen zur Überwachung. Das gilt vor allem in der Wüste. Die Türkei kann aus einer solchen Situation viel Profit schlagen.

Wie schätzen Sie die Situation in Nordafrika insgesamt ein? Muss sich Europa auf einen neuerlichen Flüchtlingsstrom vorbereiten?

Ja, denn das ist die Konsequenz von Konflikten und Instabilität in der Region. Dieses Jahr stehen in Afrika noch elf Wahlen an, darunter Äthiopien, Somalia und der Südsudan. Genau da sind Wahlen mit hohem Risiko verbunden, mit verschärften Sicherheitsmassnahmen vonseiten der Regierung und der Verfolgung politischer Dissidenten, die potenziell fliehen müssen. Hinzu kommt, dass sich zum Beispiel in Mali wieder Jihadisten ausbreiten. Das führt zu vielen Fluchtbewegungen, zumal sich Deutschland, Frankreich und die USA aus dem Sahel zurückgezogen haben. Damit ist die russische Afrikastrategie aufgegangen: Söldner des Afrikakorps sorgen mit Gewalt für profitable Instabilität in einer Region, die Flüchtlingsbewegungen nach Europa fördert. Europa hingegen konzentriert sich auf die östliche Flanke der Nato und auf den Nahen Osten, verliert dabei aber aus dem Blick, dass in Nordafrika und dem Sahel gerade mehrere Konfliktherde durch den Schmuggel von Waffen und Drogen sowie Söldnern vernetzt werden. Neue Fluchtbewegungen sind da lediglich eine Frage der Zeit.

Interview: Anne Allmeling